Mit Krimskrams durch Europa

Der Caravan am Flohmarkt in Oberviechtach fällt auf. Das Ehepaar Bergler präsentiert ihre Ware in Bananenschachteln unterm Vorzelt, die sie im Urlaub begleiten. Die Einnahmen landen jedoch nicht im eigenen Geldbeutel.
Lokales
Oberviechtach
09.10.2015
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Wochenende für Wochenende: Annemarie (65) und Alois (66) Bergler genießen ihr Sonntagsfrühstück im Caravan. Ob in Meran oder in Oberviechtach - die Aussicht ist immer die gleiche: Fremde Leute wühlen in den Krimskrams-Schachteln unterm Vordach. Am meisten freut sich darüber der Pfarrer.

Die Diagnose ist eindeutig: Das Ehepaar Bergler ist vom Flohmarkt-Virus infiziert - wie so viele andere Leute auch. Doch bei Annemarie und Alois aus Kirchendemenreuth (Neustadt/WN) steckt mehr dahinter. Samstagabend. Ein Wohnmobil steht einsam am Profi-Parkplatz beim ehemaligen Bahnhof in Oberviechtach. "Wir reisen immer schon am Vortag an, das ist stressfreier", sagt Alois Bergler.

Um 9 Uhr ist der erste Ansturm vorbei und die beiden genießen ihr Sonntagsfrühstück auf der Sitzecke. Vom Kippfenster aus haben sie alles im Blick, und das reicht meistens für das Geplänkel und die Verkaufsgespräche mit den vorbeischlendernden Passanten. "Schließlich ist es für uns auch ein Urlaubsaufenthalt", erklärt Alois Bergler den am Platz eher unüblichen "Gemütlichkeits-Faktor". Im Frühjahr und Herbst sind die beiden auf Flohmärkten unterwegs und "radeln" dabei schon mal 600 Kilometer an zwei Tagen herunter.

Geld schickt sich leichter

Angefangen hat die Leidenschaft vor 20 Jahren. Pater Joachim vom Kloster Münsterschwarzach, geboren in Kirchendemenreuth, bat um Unterstützung für seine Missions- und Fair-Handels-Projekte. "Die Leute brachten uns viele Sachen vorbei", sagt Annemarie Bergler. Aber nicht alles war als Missionsware geeignet. "Da haben wir halt mit dem Flohmarkt-Verkauf angefangen", erzählt die 65-Jährige. Außerdem habe Bruder Joachim gemeint: "Verkauft was geht, denn Geld schickt sich leichter als Ware". 3000 bis 4000 Mark im Jahr kamen so als Spende für die Mission zusammen. "Es wurde zur Sucht", sagt Annemarie. Sie kochte auch bis zu 300 Gläser Marmelade ein und füllte 150 Liter Holunderlikör ab. "Das verkaufen jetzt viele; das läuft nicht mehr", erklärt sie die Aufgabe dieser "Sparte".

Das Wohnmobil war von Anfang an dabei. Zunächst war das seit 46 Jahren verheiratete Paar nur an den Wochenenden unterwegs. Jetzt sind beide im Ruhestand und so wird schon mal ein halbes Monat am Stück gefahren. Österreich, Südtirol und Oberbayern. "Die ersten Tage sind wir Touristen", sagt Alois, danach werden die im Flohmarkt-Anzeiger veröffentlichten Märkte angefahren - immer dabei sind die Schachteln unterm Bett und in der Carport-Garage. Der Schrank ist mit den Verkaufs-Klamotten gefüllt. "Wenn die Ware ausgeht, geht's wieder nach Hause!", sagt seine Gattin. Gibt es auch eine Fahrt ohne Krimskrams? "Nein!", rufen beide gleichzeitig und lachen.

"Passt mir der Hut?", fragt eine junge Frau und betrachtet sich im Spiegel. Ihre Freundin hält ihr eine dazu passende Kroko-Tasche hin. "Die ist echt!", bemerkt Annemarie. Es wird gefeilscht und schließlich findet auch die Pelzjacke noch eine neue Besitzerin. "Kleidung geht am besten", sagt die Trödlerin aus Leidenschaft. Auch Tischdecken, Bettbezüge, Wolle und Schuhe laufen gut. Es ist Mittagszeit und aus dem Caravan duftet es verlockend nach Schweinebraten mit Knödel. Die voll ausgestattete Küchenzeile mit Backrohr macht's möglich. Außerdem hat Alois gestern noch ein paar Schwammerln am Straßenrand gefunden; die gibt's als Abendessen. Ein Gourmet, umgeben von Krusch und Krempel? "Ich war nicht von Anfang an infiziert, meine Frau musste mich erst überzeugen", gesteht er.

Neuer Empfänger

Seit zwei Jahren spenden sie den Erlös aus der Flohmarktware an Pennoraj Tharmakkan, dem Pfarradministrator von Parkstein und Kirchendemenreuth. Weihnachten 2014 waren dies über 1000 Euro, die der Pfarrer für ein soziales Projekt in Indien verwenden konnte. Auch heuer ist schon wieder ein stattliches Sümmchen beisammen.

Den Sommer verbringt das Paar zu Hause. Die aktive Seniorin nutzt die Zeit und näht Dirndln: "Diese werden im Herbst vor allem in Oberbayern an die Frau gebracht!" Der Erlös aus dem gut laufenden Trachtengeschäft ist ihr Einkommen und deckt Sprit und Standgebühr. Wenn's regnet oder der Wind pfeift und die Trödler ringsherum ihre Ware mühsam schützen, setzen die Berglers auf ihr Vordach oder bauen erst gar nicht auf. Sie sind schließlich in Urlaub und können den Tag auch im kuscheligen "Wohnzimmer" genießen.
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