Schlaraffenland lässt grüßen

Lokales
Oberviechtach
06.12.2014
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Eine Weißwurst da, ein Stück Sahnetorte dort. Wenn das Feiern zur Alltagspflicht wird, spannt schnell der Hosenbund. Gesund ist das nicht. Der Oberviechtacher Pfarrer Alfons Kaufmann hat jetzt die Reißleine gezogen, und nicht wenige Bürgermeister treten schon länger auf die Bremse.

"Ein dringender Rat der Ärzte für mich ist, unbedingt abzunehmen. Deshalb möchte ich auf Einladungen (Leichenmahl, et cetera...) in Zukunft verzichten", hat Pfarrer Alfons Kaufmann seinen Schäfchen per Pfarrbrief mitgeteilt und um Verständnis gebeten. Nicht wenige Gläubige lasen das mit einem Schmunzeln, doch es hat durchaus einen ernsten Hintergrund.

Der 52-jährige Geistliche hat gerade erst eine Herz-Operation hinter sich. Auf Reha hat er nun zehn Kilogramm abgenommen, "aber zwei Zentner sind immer noch zu viel", gesteht der Pfarrer, der jetzt versucht, bei nachmittäglichen Terminen nur einen Kaffee zu trinken. "Jeden zweiten Tag eine Zwischenmahlzeit, das wird einfach zu viel - auch wenn es gut gemeint ist ", berichtet er. So ein Braten in den späten Abendstunden, damit sei es jetzt vorbei. "Dabei hätten sich die Leute so gefreut, wenn es dem Pfarrer bei ihnen schmeckt", bedauert Kaufmann. "Der Bürgermeister isst ja auch meistens nichts", hat er festgestellt.

"Ja, ich halte mich schon zurück", bestätigt der Oberviechtacher Bürgermeister Heinz Weigl, der bei der Frage nach seinen Essgewohnheiten bei Jubiläen erst mal schmunzeln muss. "Es gibt fast keinen Bürgermeister ohne Bauch", hat er festgestellt, "ich bin ja auch eher gut gebaut". Weil er aus einer Bäckerei stammt, sei er eher anfällig für Deftiges als für Süßes. Er versucht, den Konsum auf ein belegtes Brötchen zu beschränken und Alkohol möglichst zu meiden. Seine Devise: keine Zwischenmahlzeiten. Kein leichter Vorsatz, wenn - wie neulich - an einem einzigen Vormittag drei runde Geburtstage und eine goldene Hochzeit im Terminkalender stehen.

Lieber als aufs Essen legt Weigl dann den Fokus auf Unterhalten. "Die Leuten haben dafür auch Verständnis", erzählt der 57-Jährige und fügt hinzu: "Ich muss ja daheim auch noch etwas essen, sonst hängt der Haussegen schief."

Kalorien delegiert

Auch bei Weigls Neunburger Kollegen Martin Birner löst die Frage nach seinen Erfahrungen im "Schlaraffenland des Bürgermeisters" Heiterkeit aus. "Ich habe dieses Thema in den ersten Jahren meiner Amtszeit vernachlässigt", gesteht der 44-Jährige, dem weniger das Essen als vielmehr der Bewegungsmangel als berufliche Nebenwirkung zugesetzt hat. Zu den Geburtstagen gratuliert meistens seine Stellvertreterin Margit Reichl. "Die kann ein paar Kalorien vertragen".

"Außerdem gehe ich auf keine Weihnachtsfeier", hat Birner entschieden. "In Neunburg gibt es 140 Vereine. Wissen Sie wie ich danach ausschauen würde?" Denn für Plätzchen und Kuchen sei er schon anfällig, räumt der Bürgermeister ein und seufzt: "Mutter, Frau und Schwiegermutter - alles gute Bäckerinnen." Um gegenzusteuern, geht er jetzt jeden Sonntagabend joggen, notfalls in der Dunkelheit mit Stirnlampe. Und der Dienstag ist für Skigymnastik reserviert.

Schönsees Bürgermeisterin Birgit Höcherl hat dagegen mit körperlicher Betätigung nicht viel am Hut. "Ich bin nicht so die Sportkanone", gibt sie zu und setzt zum Ausgleich auf kleine Portionen. "Es ist ja schön, wenn die Leute so viel anbieten", weiß sie die Gastfreundschaft zu schätzen, "aber ich nehme generell nur eine Weißwurst". Und auch wenn Sahnetorte im Angebot ist, sei sie lieber mit einem Küchel oder einem trockenen Kuchen zufrieden: "Als eher mollige Person hab' ich dafür auch ein gutes Argument." Schließlich ist ihr der Satz eines Bürgermeisterkollegen noch allzu gut in Erinnerung, der beim Interview im Fernsehen unter den Nachteilen bei der Amtsausübung ganz klar auch die "Gewichtszunahme" aufgeführt hat.

Auch der evangelische Pfarrer von Oberviechtach, Dr. Harald Knobloch, hat sich über den reichlich gedeckten Tisch schon mal Gedanken gemacht und wartet mit einer Anekdote auf: "Ich hatte mal einen Kollegen im Dekanat, der hat immer nur ein Glas Wasser getrunken: Bei seiner Verabschiedung hat er verraten warum: Er wollte Spenden mit nach Hause nehmen, keine Kalorien."

Luthers Verhängnis

Mit "moderater Zurückhaltung" versucht Dr. Knobloch dem allzu appetitanregenden Angebot zu begegnen. "Aber manchmal kommt man da nicht raus", weiß er, "dabei stehen wir Protestanten eigentlich für Besonnenheit und Mäßigung". Andererseits: "Auch Martin Luther hat gern und viel gegessen", überlegt der 37-Jährige, "das war aber vielleicht auch sein Verhängnis".
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