Trügerischer Trost im Glas

"Herzlich willkommen. Ich bin der Harry." So begrüßte Pfarrer Dr. Harald Knobloch die Gäste beim Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) im evangelischen Gemeindezentrum. Bild: weu
Lokales
Oberviechtach
26.05.2015
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Sie erzählen vom Zittern bei Entzugserscheinungen, von der Scham - und von der Freude, wenn die Sucht besiegt ist. Mehr von diesem Geist der Offenheit, wie er bei den Anonymen Alkoholikern praktiziert wird, würde sich Pfarrer Dr. Harald Knobloch wünschen.

Unter dem Leitspruch "Du allein schaffst es, aber du schaffst es nicht allein" treffen sich die Anonymen Alkoholiker jeweils am Mittwochabend im evangelischen Gemeindezentrum. Zu einer offenen Informationsveranstaltung hatten sie kürzlich eingeladen.

Bewährtes Ritual

"Hallo, ich bin der Harry." So stellte sich Pfarrer Dr. Harald Knobloch beim Nachmittag der Gruppe im Gemeindesaal vor und griff damit das Ritual auf, mit dem sich die Mitglieder begrüßen. "Den Geist, der unter euch vorherrscht, sollte man auch in andere Institutionen hineinbringen, seien es kirchliche oder weltliche", betonte er und meinte: "Die Gesellschaft wäre viel ehrlicher und authentischer, wenn alle so offen miteinander umgehen würden, wie ihr es tut." Abschließend sprach er ein Gebet, bei dem sich alle an den Händen fassten.

Zwei Sprecher, ein Mann aus der Gruppe der Anonymen Alkoholiker und eine Frau, die als Angehörige von Alkoholkranken zu der Al-Anon-Familiengruppe gehört, schilderten ihr Leben und machten dadurch deutlich, wie schnell man abgleiten und im Alkohol Trost finden kann. Der Mann aus Hof, nennen wir ihn Berni, erzählte, dass er mit 13 Jahren in Kontakt mit Bier und Zigaretten kam. Er wollte dazugehören und fühlte sich wohl dabei. "Alkohol war das Mittel, um mein Selbstbewusstsein zu stärken", nannte Berni als Beweggrund.

Durch die neuen Freunde habe er den Sport vernachlässigt und die Schule schleifen lassen. Schon bald merkte er Entzugserscheinungen in Form von Zittern und Schwindel. Also trank er auch tagsüber, um den Alkoholspiegel hoch zu halten. Erst als er körperlich am Ende war und eine Leberzirrhose diagnostiziert wurde, kam er nach einer zwölfwöchigen Kur zu den Anonymen Alkoholikern.

"Das hat mir das Leben gerettet", bekannte Berni freudig. Bis heute ist er "trocken" geblieben, denn er weiß: "Ein Glas Alkohol reicht, und ich bin wieder so weit wie früher."

Eine andere Lebensgeschichte präsentierte "Susi". Sie wurde in eine alkoholkranke Familie hineingeboren und empfand ihre Umwelt als normal. "Ich habe lange nicht kapiert, dass das eine Krankheit ist", bekannte sie. Ihre Kindheit sei nicht schön gewesen, da der Vater auch gewalttätig war. Dennoch liebte sie ihn. Als es ihr schlecht ging, kam sie zu der Al-Anon-Familiengruppe, aber erst beim dritten Anlauf ist sie geblieben. "Ich habe nur noch geheult und mich furchtbar geschämt", so ihre Anfangserfahrungen. Mittlerweile gehe es ihr gut und sie habe viele Freunde gefunden.

Diese zwei Beispiele gingen "tief unter die Haut". Sie zeigten aber auch ganz deutlich, wie wichtig eine Gruppe Gleichgesinnter ist, deren einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit der Wunsch ist, mit dem Trinken aufzuhören.
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