Von Quacksalber bis Wunderarzt

Lokales
Oberviechtach
13.11.2015
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Er war kein Scharlatan, aber Wunder konnte der Doktor Eisenbarth auch nicht vollbringen. Wie verzerrt das Bild des berühmtesten Oberviechtachers ist, hat Dr. Ludwig Schießl erforscht und dabei amüsante Details zutage gefördert.

Die öffentliche Wahrnehmung des zu seiner Zeit sehr berühmten Okulisten, Bruch- und Steinschneiders Johann Andreas Eisenbarth aus Oberviechtach ist seit rund 200 Jahren eine äußerst zwiespältige. Wie bei keinem anderen deutschen Mediziner ist seine Rezeptionsgeschichte von einer januskopfartigen Ambivalenz geprägt. Diese zu beleuchten war das Anliegen des mit zahlreichen Abbildungen illustrierten Vortrags von Dr. Ludwig Schießl, dem Vorsitzenden des Doktor-Eisenbarth-Arbeitskreises International, und Autor der ersten wissenschaftlichen Gesamtmonographie über den großen Sohn Oberviechtachs im Kulturzentrum in der Marktmühle.

Die Bandbreite der irrelevanten Attribute, mit denen Eisenbarth versehen wird, reicht von "Quacksalber", laut Duden ein "Arzt, der mit obskuren Mitteln und Methoden Krankheiten zu heilen versucht", bis "Wunderheiler", also "jemand, dem auf Wunderkräften beruhende Heilerfolge zugeschrieben werden". Dabei war Doktor Eisenbarth, wie er auch genannt wird, ohne dass er einen Doktortitel besessen hätte, weder das eine noch das andere, sondern schlicht und einfach ein landfahrender Wundarzt, also ein Handwerkschirurg. Als solcher behandelte er mit herausragendem Geschick sowie großem Erfolg eine äußerst breite Palette von Beschwerden.

Warum dies jedoch nicht überall in der gebührenden Form erkannt oder geschätzt wird, hat Dr. Schießl zufolge mit dem Eisenbarth-Lied, einem Spottgesang aus der Zeit um 1800, zu tun. Darin ist tatsächlich von einem Quacksalber in Form einer "Sagengestalt" namens Doktor Eisenbarth die Rede, und dieser wird als jemand dargestellt, der mit üblen Behandlungsmethoden seinen Patienten schadete, anstatt ihnen Heilung zu bringen.

Diffuse Vorstellungen

Der Schmähgesang hat dafür gesorgt, dass die Wahrnehmung von Eisenbarth gemeinhin zwischen zwei Polen oszilliert, nämlich zwischen der realen Person in ihrer authentischen Lebenswirklichkeit und der Figur des Liedes in ihrer fiktiven Welt. Nur wenige Menschen kennen ausschließlich den wahren Eisenbarth, viele halten ihn für eine Erfindung, und bei der großen Mehrheit vermischen sich diffuse Vorstellungen aus beidem. Daran konnte auch die von Bürgermeister Georg Neuber (1922 bis 1977) in Oberviechtach in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts initiierte intensive Eisenbarth-Forschung nur bedingt etwas ändern.

Illustriert wurde dieser Sachverhalt von Dr. Schießl durch Beispiele von Publikationen, in denen Eisenbarth als "Wunderarzt" und "Wunderheiler" bezeichnet wird sowie durch eine Reihe von Karikaturen, vor allem in Verbindung mit dem Eisenbarth-Lied. Darin wird Doktor Eisenbarth äußerst derb und drastisch auf die Schippe genommen.

Sauna und Aufguss

Darüber hinaus warf der Referent einen kritischen Blick auf weitere Fauxpas im Zusammenhang mit dem Okulisten, Bruch- und Steinschneider sowie auf drei Eisenbarth-Festspiele und streifte eine Reihe weiterer Bereiche, in denen Eisenbarth zu allen möglichen Anlässen Verbreitung fand. Einer der wesentlichsten ist - neben der Würdigung - jener der Werbung und Vermarktung. Dabei ist die Spanne sehr weit und reicht vom klassischen Eisenbarth-Elixier von Apotheker Dr. Karl-Heinz Foißner und dem Doktor-Eisenbarth-Spezial der Schlossbrauerei Fuchsberg bis hin zur Dr.-Eisenbarth-Sauna in Bad Klosterlausnitz, der größten im Thüringer Land. Dazu gibt es einen Dr.-Eisenbarth-Frucht-Aufguss.

Der Arzt war auch Namensgeber für die Eisenbarth-Spott-Medaille von 1916, und sein Bild ziert einen Notgeldschein aus Hann. Münden von 1922. Bereichert hatten den Vortrag des Arbeitskreis-Vorsitzenden neue Funde seines Sohnes Christian, dem er für sein Engagement seinen ausdrücklichen Dank aussprach.

Mit einem Blick in die Videoaufzeichnung des neuen Eisenbarth-Liedes in Form einer Kantate von Thomas Pfeiffer schloss Dr. Schießl seinen Vortrag. Der Text dazu stammt von Georg Kaiser aus dem Jahr 2013, Doktor Eisenbarth wird darin völlig rehabilitiert. Museumsleiter Dr. Karl-Heinz Foißner dankte dem Referenten mit einem passenden Geschenk: einem Eisenbarth-Elixier - kreiert zum 20-Jährigen Bestehen der Eisenbarth-Apotheke.
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