Die hoffnungslose Lage zerrt an den Nerven
Keine Nacht bleibt ewig

Ich hätte niemals geglaubt, dass wir Flüchtlinge werden.
Vermischtes
Oberviechtach
11.01.2016
158
0

Oberviechtach/Deir ez-Zor. Für einen Moment verliert der Oberarzt im Ruhestand die Fassung. Abdullatif Ismail ringt um Worte, Tränen laufen die Wangen hinab. Ob die Familie Angehörige im syrischen Bürgerkrieg verloren hat? "Der Sohn meiner Schwester ist umgekommen", sagt er. "Er war erst 24 Jahre alt." Keiner sei in diesem Land noch sicher.

"Ich habe so viele Geschwister", zählt er stöhnend auf, "15 an der Zahl, sie leben in verschiedenen Städten." Die Ungewissheit sei schrecklich, nur ab und an funktioniere das Telefon. Was sie erzählen, ist wenig tröstlich. "Alles ist zerstört, die Kinder suchen im Dreck nach Getreidekörnern, das ist unglaublich - wir waren ein wohlhabendes Land." Zunächst habe die Familie Assad alles herunter- und in die eigenen Taschen gewirtschaftet. Dann habe der Krieg das Übrige getan. "Ich hätte niemals geglaubt, dass wir Flüchtlinge werden", sagt er schluchzend. "Ich habe mir meinen Lebensabend anders vorgestellt."

Notbegräbnis für die Mutter


Jetzt, wo er Zeit hätte, würde er gerne seine Angehörigen besuchen - stattdessen konnte er nicht einmal zum Begräbnis seiner Mutter. Sie starb am 6. Dezember 2013 und musste im Nachbarsgarten verscharrt werden. "Bei jeder Beerdigung sterben zehn Leute", sagt er. Jede Menschenansammlung sei eine Zielscheibe für die verschiedenen Kriegsparteien. "Nur wegen dieser verfluchten Familie", klagt Ismail. "Entweder Assad oder wir zerstören das ganze Land", hätten die Soldaten des Regimes auf ihre Panzer geschrieben.

Jetzt behaupteten auch noch die Russen, dass es ohne Assad nicht gehe. "Sie wollen ihre Stützpunkte in Tartus an der syrischen Mittelmeerküste behalten", erklärt der Arzt. "Wenn das Regime fällt, sind ihre Interessen bedroht." 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht, vier Millionen außerhalb des Landes. "Ich habe erst mit meiner Schwester telefoniert", sagt er, "Menschen stehen stundenlang wegen Brot an, Leute verhungern - und diese Verbrecher greifen bewusst Bäckereien an."


Ich hätte niemals geglaubt, dass wir Flüchtlinge werden.Abdullatif Ismail, Arzt im Ruhestand

Abdullatifs Vater wollte eigentlich, dass er Maschinenbau studiert. "Er war ein Fan von deutschem Fleiß und Gründlichkeit." Der junge Mann lernt an der Münchener TH seine spätere Frau kennen. Er geht mit ihr nach Erlangen, nimmt ein Medizinstudium auf. "Ich traute mich zwei Jahre nicht, es meinem Vater zu sagen." Der war dann dennoch stolz auf seinen Sohn. Über das Rötzer Krankenhaus, Schwandorf und Bayreuth kommt er 1976 nach Oberviechtach, als das dortige Krankenhaus eröffnet wird.

Besuche in der Heimat waren immer schwierig. "Der Geheimdienst hat uns drangsaliert", erzählt er. "Man musste immer befürchten, dass sie einen nicht mehr rauslassen." Das Mindeste waren üppige Bestechungsgelder für die Schergen des Regimes. "Deir ez-Zor war einst die reichste Stadt Syriens, eine Oase in der Wüste am großen Strom Euphrat - und wir sind jetzt das ärmste Volk." Die Lage sei so verworren, dass eine Lösung aussichtslos erscheint. "Wer weiß", sagt Ismail, "auch der 30-Jährige-Krieg ging einmal zu Ende." Was für eine Aussicht. "Und dann kamen diese Irren aus allen Herren Ländern", schimpft er über die Legionäre des Terrors, "und diese Blöden machen unsere Geschichte kaputt", sagt er mit tränenerstickter Stimme.

Gott in jeder Blume


Ziad, der jüngere Bruder, versucht ihn zu trösten. "Keine Nacht bleibt ewig, es kommt immer ein Tag." Poesie in Zeiten der Finsternis. "Ich bin ein Mensch", sagt er, "ich glaube an den Herrgott, egal ob Christ, Jude, Moslem oder Buddhist", sieht Ziad das Verbindende, nicht das Trennende. "Ich glaube an das Gute im Menschen, sehe Gott in jeder Blume, in der Sonne."

Vielleicht ist diese Sensibilität der eigenen Familiengeschichte geschuldet. "Schon meine Großmutter war ein Flüchtling." Die Armenierin entkam als einzige einer Großfamilie dem Genozid in der Türkei. "Der Bruder meines Großvaters hat sie adoptiert." Jetzt hoffen die Ismails, dass Deutschland sie adoptiert.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.