Dr. Wolfgang Bärtl von der Kassenärztlichen Vereinigung findet Terminvergabe-Stelle überflüssig
Neid-Debatte bei Patienten

Schriftführerin Edith Brenner vom Gesundheitsverein honorierte die Ausführungen von (von links) Dr. Wolfgang Bärtl, Dr. Adolf Ried und Dr. Oskar Schmid mit Frühlingsblumen und einem Eisenbarth-Elixier. Bild: bgl
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Oberviechtach
29.01.2016
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Der Versorgungsgrad der Region Oberviechtach ist besser, als vom Gesetzgeber gefordert, jedoch mit dem drohenden Problem, dass mehr als 45 Prozent der Hausärzte bereits ihren 60. Geburtstag hinter sich haben.

Das Schreckgespenst "Ärztemangel" hat den Raum Oberviechtach bislang verschont. Doch ganz sorglos blickt die Kassenärztliche Vereinigung nicht in die Zukunft, wenn das Alter der Hausärzte ins Spiel kommt.

"Der Versorgungsgrad der Region Oberviechtach ist besser, als vom Gesetzgeber gefordert, jedoch mit dem drohenden Problem, dass mehr als 45 Prozent der Hausärzte bereits ihren 60. Geburtstag hinter sich haben". Diese Feststellung traf der Vorstandsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Oberpfalz, Dr. Wolfgang Bärtl bei einer Veranstaltung des Gesundheitsvereins (GVO). Es war der Jahresauftakt des Vereins für eine Vortragsreihe in der Asklepios-Klink Oberviechtach.

Kompetente Partner zu diesem Thema hatte der Gesundheitsverein zum Informationsaustausch über die ärztliche Versorgung eingeladen, es ging dabei auch um die Ausrichtung auf die Zukunft. Gut gefüllt präsentierte sich der Vortragsraum, als der Vorsitzende des GVO, Profesor visitante Universidad de Buenos Aires Dr. med. Oskar A. Schmid, selbst ortsansässiger Orthopäde, die Versammlung eröffnete. Als gut informiertem Insider in Bezug auf die derzeitige ärztliche Versorgungsstruktur bei den Hausärzten erteilte er dem aus Neumarkt angereisten KV-Vertreter Dr. Wolfgang Bärtl das Wort.

Viele Chirurgen


Dr. Bärtl konnte die Zuhörer beruhigen: Von der 75-Prozent-Marke, die eine Unterversorgung signalisieren würde, sei man derzeit noch weit entfernt. Das gelte auch für die fachärztliche Versorgung, wobei hier der Altersdurchschnitt für den Landkreis Schwandorf deutlich niedriger liegt und die Versorgungsquote weit über den vom Gesetzgeber veranschlagten 100 Prozent.

Im Landkreis Schwandorf bestehe bei einigen Arztgruppen, wie beispielsweise bei den Chirurgen, die Gefahr, dass bei einer Praxisabgabe auch das neue, sogenannte "Gröhe-Gesetz" angewandt werden kann und die Krankenkassen den Einzug eines Kassenarztsitzes beantragen können. Eine Maßnahme, um die (gesetzlich festgelegte) Überversorgung mit Fachärzten in der Region zu verringern. Weiter berichtete der KV-Sprecher über die eben erst etablierten Termin-Servicestellen. Diese waren im Koalitionsvertrag der Berliner Koalition auf Drängen der SPD eingeführt worden. Beim Publikum war diese Maßnahme umstritten: Aufgrund der guten hausärztlich-fachärztlichen Vernetzung in der Region sei eine solche Terminservicestelle eine unnütze Einrichtung, das Geld wäre besser in der Patientenversorgung angelegt, so der Kritikpunkt. Denn finanziert wird das System mit Geldern, die sonst für die Patientenversorgung von der Kassenärztlichen Vereinigung zugeteilt würden.

Ein weiteres Problem stellt die Verlagerung der Vergütung in die Klinik-Ambulanzen dar: "In Zukunft wird dafür das Zwei- bis Dreifache der Vergütung von der Kassenärztlichen Vereinigung zu zahlen sein wie für dieselbe Leistung bei einem niedergelassenen Arzt", so Dr. Bärtl. In diesem Zusammenhang verwies er auch auf eine Diskussion mit Gesundheitsministerin Dr. Melanie Hummel, die eine Grundversorgung durch Haus- und Fachärzte in ländlichen Regionen zugesichert habe.

Genug "Sitzplätze"


Dr. Bärtl machte deutlich, dass die Neid-Debatte zwischen Privat- und Kassenpatienten hinsichtlich der Terminvergabe vollkommen unnötig sei. Er brachte das Beispiel von neun Kassen- und einem Privatpatienten in einem Bus mit zehn Sitzplätzen in Verbindung. Der eine Privatpatient würde den weiteren neun Kassenpatienten keinen Sitz wegnehmen - genauso wenig wie er ihnen auch nicht die Facharzttermine wegnehme.

Der Vorsitzende des Gesundheitsvereins, Dr. Oskar Schmid, fasste anschließend die Ergebnisse zusammen. Danach entwickelte sich eine rege Diskussion zwischen den Zuhörern und den niedergelassenen Ärzten über die ärztlichen Versorgung und Vernetzung vor Ort.
Der Versorgungsgrad der Region Oberviechtach ist besser, als vom Gesetzgeber gefordert, jedoch mit dem drohenden Problem, dass mehr als 45 Prozent der Hausärzte bereits ihren 60. Geburtstag hinter sich haben.Dr. Wolfgang Bärtl, Kassenärztliche Vereinigung

Als Obmann der Ärzte in der Region Oberviechtach sprach Dr. Adolf Ried beim Vortragsabend des Gesundheitsvereins Probleme beim Kassenärztlichen Notdienst und beim Notarzt-Dienst an.

Im Bereich des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes ist aufgrund der neuen Bereitschaftsdienstordnung keine ausreichende Ärztezahl in der bisherigen Region Oberviechtach/Schönsee/Winklarn/Tännesberg vorhanden. Deshalb müsse die Region mit den benachbarten Einheiten Tiefenbach und Neunburg zusammengelegt werden. Problematisch sei dann aber der weite Anfahrtsweg bei den Hausbesuchen im Dienst.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich aufgrund der erhöhten Belastung Kollegen, die älter als 62 Jahre sind, auf Antrag von dem Dienst befreien lassen. Dadurch könnte die Zahl der zur Verfügung stehenden Ärzte wieder "unter die magische 15" fallen - und damit würde die Region noch größer werden, die von den einzelnen Ärzten abzudecken ist. Dr. Wolfgang Bärtl von der Kassenärztlichen Vereinigung verwies hingegen auf Beispiele wie die Zusammenlegung von Neumarkt mit Parsberg und Hemau.

Nach diesem Vorbild könnte man auch im Landkreis für den Norden und den Süden einen getrennten sogenannter "Fahrdienst" (für Hausbesuche) und einen "Sitzdienst" in den Praxen separat anbieten. Dann könne eine ähnliche Situation wie bisher entstehen, je nach Absprache der Ärzte innerhalb der betreffenden Dienstgruppe.

Dr. Oskar schmid Schmid regte beim Vortragsabend des Gesundheitsvereins an, den Ärzten, die aus der Region stammen und zur Ausbildung weggegangen sind, die Anbindung an die Heimat mit attraktiven Angeboten zu erleichtern, damit sie dann später als niedergelassene Ärzte vor Ort arbeiten. Damit das funktioniert, müsse allerdings auch die Bevölkerung mitziehen und die ärztlichen Angebote vor Ort auch wahrnehmen. Außerdem müssten die Menschen den Politikern klarmachen, dass sie weiterhin eine Versorgung vor Ort wünschen.

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