Dramatische Flucht eines Syrers nach Oberviechtach
Der blinde Sänger

"Diese Oud ist alles, was ich habe", hängt der 60-jährige Blinde an der arabischen Gitarre. Ziad hat alles verloren: Sein Haus hat die Armee beschlagnahmt, tausende Bilder, Musiktitel und Bücher, die er gesammelt hatte, haben die Soldaten mitgenommen, den Rest zerstört. Bilder: Herda (2)
Vermischtes
Oberviechtach
11.01.2016
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Ziads Neffe und Betreuer bangt um seine Frau und seine 3-jährige Tochter: "Sie ist Christin und lebt in Hama, mitten im Kampfgebiet." Erst wenn sein Asylantrag durch ist, könnte er die Familie nachholen. "Bis dahin sterbe ich 1000 Tode."

Homer, der erste Dichter des Abendlandes, wird als blinder Sänger beschrieben. Ziad, der Flüchtling aus Syrien, ein blinder Sänger aus dem Morgenland - zupft seine Oud, eine bauchige arvabische Gitarre, jetzt in Oberviechtach.

Oberviechtach/Deir ez-Zor. Als Homer seine Epen verfasste, konnte er nichts wissen von jenem grausamen Krieg, in dem nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011 mehr als 220 000 Menschen getötet wurden. Als der alte Grieche um 800 v. Chr. den Trojanischen Krieg (1200 v. Chr.) besang, erblühte in Syrien das erste Großreich der Weltgeschichte - eine Hochkultur, als in Europa die Eisenzeit begann.

Als in Syrien Diktator Baschar al-Assad die Kontrolle verlor, konnte der blinde Sänger Ziad in der 300 000-Einwohner-Stadt Deir ez-Zor im Nordosten Syriens nicht ahnen, wie nah ihm dieser Waffengang kommen würde - noch im ersten Kriegsjahr wohnte er zusammen mit seiner Mutter und seiner jüngsten Schwester in der untersten Etage des Hauses, in dem er mit seinen 15 Geschwistern aufwuchs. Heute ist die ehemals gute Wohngegend Frontlinie.

Ziads Haus an der Front


"Unser Haus steht an der Demarkationslinie zwischen syrischer Armee und IS", schildert Ziad die Lage. "In unserem Dach steckt noch eine Granate." Bereits am ersten Kampftag sind Bomben eingeschlagen - eine sei explodiert, die zweite nicht. "Es regnete nur Schutt auf mich." An einem anderen Tag sei vor seinem Fenster ein Panzer in die Luft geflogen: "Wir konnten noch löschen, mussten das Haus aber verlassen."

Die Lage spitzt sich Tag für Tag zu. Ziad weiß: "Lange kann ich hier nicht überleben." Seine Hoffnung: Der ältere Bruder Abdullatif Ismail, der in den 60er Jahren in Deutschland Medizin studierte und heute als Rentner in Oberviechtach (Kreis Schwandorf) lebt. Als Ziad elf Jahre alt war, holte ihn Abdullatif zu sich, um die Augen des Bruders behandeln zu lassen. Mehrere Operationen blieben erfolglos, aber Ziad lernt deutsch. Drei Jahre später kehrt er zurück zu seiner Familie. Was bleibt, ist die deutsche Sprache.

Als dann das humanitäre Bundesaufnahmeprogramm anläuft, reicht Abdullatif sofort einen Antrag für Ziad ein. Der Deutschlandbezug und die Sehbehinderung entsprechen den Aufnahmekriterien. Das große Zittern beginnt: Der blinde Musiker ist einer von 80 000 Antragstellern - nur 20 000 sollen ausgewählt werden. Die Kommunikation mit dem Kriegsgebiet wird immer schwieriger, über Wochen kommt keine Telefonverbindung zustande. Wenn doch klingt Ziad dramatisch: "Es kann jeden Augenblick zu spät sein." Im April 2015 marschiert der "Islamische Staat" im Nordosten Syriens vor und nimmt Deir ez-Zor weitgehend ein - heute kontrolliert das Assad-Regime nur noch wenige Viertel von Deir ez-Zor, darunter auch das mit Ziads Haus.

Dann endlich: die Vorladung zur Botschaft in Ankara für den 3. Februar 2015. Freude und Zweifel halten sich die Waage. Das Gebiet bis zur türkischen Grenze ist unter IS-Kontrolle. Wie soll er da durchkommen? Ein Kontaktmann, der die Fahrt in die Türkei organisieren soll, fällt einer Fassbombe zum Opfer. Sein letzter Joker: ein alter Freund, der als Pilot mit einem Militärflugzeug zwischen Deir ez-Zor und Damaskus pendelt. Als er ihn endlich erreicht, ist der Termin in Ankara bereits geplatzt. Ein zweiter wird vereinbart. Am 5. April 2015 steigt er ins Flugzeug. In Damaskus erwartet ihn sein Neffe Hakam.

Gepäck fliegt vorher


Der erste Fluchtversuch scheitert: "Unser Gepäck ist schon zwei Wochen früher geflohen", scherzt er das beklemmende Gefühl weg, als die syrischen Grenzposten zwar den befreundeten Fahrer samt Gepäck und Musikinstrument passieren lassen - nicht aber Ziad und Hakam. Lange Tage bangen Wartens, bis Ziads Pilot zwei Wochen später das geforderte Dokument aus Deir ez-Zor mitbringt. Nächste Station Beirut, wo Susanne Schmelter, Nichte der Lebensgefährtin Abdullatif Ismails, die beiden empfängt. Die studierte Friedens- und Konfliktforscherin arbeitet seit eineinhalb Jahren überwiegend in Beirut an ihrer Doktorarbeit zum Umgang Libanons mit der syrischen Flüchtlingskrise.

"Nach dem Abendessen hörte Ziad kaum noch zu", sagt sie lächelnd. "Er hatte endlich seine Oud wieder." Der Sänger holt das Instrument aus der Hülle und schmachtet es an: "Meine Herzallerliebste, wie habe ich dich vermisst." Für Ziad ist der Quell der Musik mehr als eine Gitarre: "Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder, ich bin frei und diese Oud ist alles, was ich habe." Ein Flug nach Ankara und fünf Wochen Wartezeit in der Türkei trennen Ziad und Hakam noch von einem Wiedersehen mit Abdullatif in Oberviechtach. Dann sitzt er endlich auf der Couch in der kleinen Wohnung, die sein Bruder für ihn gesucht hat: "Ich will jetzt ein neues Leben anfangen," sagt er und möchte als erstes mit einem Mobilitätstraining an einem Blindeninstitut beginnen. Auch, um sich um Flüchtlinge kümmern zu können, denen er bereits als ehrenamtlicher Übersetzer zur Seite steht.
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