Hausbesuch bei Dr. Georg Schwindl
Notruf nach dem Hausarzt

Dr. Georg Schwindl (Mitte) hat sein Team und die ärztliche Versorgung der Region im Blick. Für die Hausarztpraxis im Neubau "Haus der Stiftung" (280 Quadratmeter, 1. Etage) gibt es weitreichende Pläne. Bilder: Portner (2)
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Oberviechtach
01.07.2016
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"Im östlichen Bereich ist die Lage im Hinblick auf die Altersstruktur der Hausärzte bedrohlich." Zitat: Dr. Georg Schwindl

Nicht nur die Patienten werden älter: 12 von 20 Hausärzte der Region kratzen am Pensionsalter. Ein Nachfolger für Hausbesuche und Bereitschaftsdienste ist meist nicht in Sicht. Ist es bald gesundheitsgefährdend, auf dem Land zu wohnen?

Dr. Georg Schwindl (64) empfängt die NT-Redakteurin in der neuen Praxis im "Haus der Stiftung". Obwohl kurz vorm Pensionsalter - und seit 2005 auf der Suche nach einem Nachfolger - hat er sein "kleines Dienstleistungsunternehmen" einer Frische-Kur unterzogen. Er erklärt warum und zeigt auf den aktuellen Planungsatlas der KVB (Kassenärztliche Vereinigung Bayerns) mit der Teilung des Landkreises in einen nördlichen, östlichen und südlichen Bereich.

Zwölf über 60 Jahre


"Im östlichen Bereich ist die Lage im Hinblick auf die Altersstruktur der Hausärzte bedrohlich", sagt der Mediziner. Beispiel Oberviechtach: In drei Praxen arbeiten fünf Ärzte. Davon sind in den nächsten Jahren vier über dem Pensionsalter. Beispiel Planungsbereich Neunburg/Nabburg/Oberviechtach: 20 Hausärzte für 25 000 Einwohner, davon sind aktuell zwölf über 60 Jahre alt (in Kürze sogar acht über 65). Nur fünf Prozent sind unter 45 Jahren, was einen Altersdurchschnitt von 59,3 Jahren (Bayern: 54,7) ergibt. "Es funktioniert nur durch die Bereitschaft der älteren Ärzte zu arbeiten", betont Dr. Schwindl und spricht von "Verantwortungsgefühl und nicht nur dem Streben nach Umsatz und Gewinn".

Er nennt drei Gründe, warum es so schwer ist, einen Nachfolger zu finden. Zum einen kämen viel zu wenig Medizinstudenten aus der Region. Zum anderen seien 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen, deren Partner in der Großstadt leichter ihren Beruf ausüben können. Und auch das spiele eine Rolle: Das Land sei derzeit bei Studenten "nicht en vogue". "Aber Trends kehren sich öfters um und darauf hoffe ich", sagt der Landarzt lächelnd und betont: "Ich bin Optimist und das trotz einer 60-Stunden-Woche." Er setzt auf die Vorteile: "Gelassen und im Gleichgewicht arbeiten." Im Gegensatz dazu stehe der Stress eines Facharztes im täglichen Konkurrenzkampf.

"Mir macht die Arbeit heute noch so viel Freude wie am ersten Tag", sagt Dr. Georg Schwindl mit festen Blick und man spürt die Kraft förmlich, die ihn antreibt. Geboren in Sinzing, übernahm er 1982 die Praxis von Frau Dr. Roßmann (99). Später folgte eine Gemeinschaftspraxis und darauf einige Jahre mit einem Assistenzarzt. Jetzt praktiziert er auf 280 Quadratmetern alleine - der Mietvertrag läuft bis Ende 2019. "Ich habe hier investiert, um einen Nachfolger zu finden", bekräftigt er und stellt gleichzeitig fest: "Ohne die Arztpraxis und die Ratsapotheke wäre das ,Haus der Stiftung' nicht entstanden. Die Investition war unser Geschenk an die Stadt und ihre Bürger, denn aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen hätte man das nicht machen können!" Natürlich seien die lichtdurchfluteten Räume mit herrlichem Ausblick auch ein Motivationsschub, gibt er zu. Und dann folgt dieser Satz des 64-Jährigen: "Je älter man ist, desto mehr Spaß macht die Arbeit, denn man nimmt mehr Eindrücke wahr!" Den Notarztdienst hat er vor zwei Jahren - nach Erreichen der Altersgrenze aufgegeben - den Bereitschaftsdienst übernimmt er gerne.

Kerngesund


Mit sich hätte er nicht viel verdient: "Ich hatte noch keinen einzigen Tag Ausfall, weder in der Schule noch im Berufsleben. Das ist ein Geschenk und damit muss man etwas anfangen." Was ist so schön am Arztberuf? Auch darauf gibt es eine Antwort: "Erstaunen, Freude, Dank entsteht in folgender Situation: Der Patient ist ernsthaft verändert, krank, mitgenommen. Er schildert Symptome, die bei erster Reflexion ganz eindeutig für eine bösartige oder ernste chronische Erkrankung sprechen. Dann beginnt ein Untersuchungsprozess, der kein Ergebnis ergibt. Es verbleibt eine arge Unsicherheit und dann stellt sich nach Monaten heraus, der Patient erholt sich, wird wie früher, schaut aus wie früher. Entweder Selbstheilungskräfte oder Lebenswille oder einfach ein Geschenk, das ihn wieder gesund gemacht hat." Hoffnung ist für den Arzt ein sehr wertvoller Persönlichkeitsfaktor.

"Ich wäre für keinen anderen Beruf geeignet und könnte auch nicht in der Stadt arbeiten", sagt der Landarzt, der die Vielfalt von akuter, chronischer und psychischer Krankheit und die unterschiedlichen Menschen mag. Sein Faible ist es, zur Bewegung zu motivieren ("besseres Körpergefühl"). Er treibt selbst viel Sport, mag deutsche Literatur, Sinfoniekonzerte und Gartenarbeit. "Ich sehe beim Hausbesuch jede Blume, die besonders schön wächst und bewundere die Menschen für ihre Kreativität, mit der sie ihr Wohnumfeld gestalten", sagt Dr. Schwindl und ergänzt schmunzelnd: "Ein Hausarzt kennt die Lebensdaten seines Patienten oft besser, als er selbst." (Hintergrund)

Im östlichen Bereich ist die Lage im Hinblick auf die Altersstruktur der Hausärzte bedrohlich.Dr. Georg Schwindl

Vision und ein Konzept


"Es gibt nur eine einzige Lösung für das Problem. Aber dafür braucht man einen langen Atem", sagt Dr. Georg Schwindl. Er sieht die Zukunft der ärztlichen Versorgung der Region in großen Praxiseinheiten mit vier bis fünf Ärzten - darunter auch Teilzeitarbeitsplätze - sowie Zweigstellen mit stundenweisen festen Zeiten. Seine Vision: Die Erfahrung des Alters und das Wissen sowie die Neugier der Jungen nutzen. Die Umsetzung dieses Konzepts will er bis in drei Jahren schaffen.

Schon seit 1997 ist er um die Zusammenarbeit der Ärzte in der Region bemüht und lädt quasi als "Motor" vierteljährlich zu einem ärztlichen Qualitätszirkel ein. Dabei geht es jeweils um ein Thema, aber auch darum, sich mit Spezialisten auszutauschen. Der Trend in der Allgemeinmedizin? "Den Patienten mit seinen Sorgen und Nöten einbeziehen, dessen Erfahrungen nützen, Erwartungen erfragen und reagieren."

Bereitschaft sinnvoll regeln


Der Bereitschaftsdienst hat sich ab 1. Mai geändert. Seitdem ist der Landkreis in nur einen Dienstbezirk eingeteilt. "Das hat nur Nachteile", betont Dr. Georg Schwindl. "Von 100 Ärzten waren 98 dagegen und trotzdem hat die KVB es umgesetzt." Der Bereich Nabburg-Pfreimd-Oberviechtach habe Protest eingelegt mit dem Erfolg, dass es ab 1. Oktober zu einer "sinnvollen Regelung" für den Planungsbereich Neunburg/Nabburg/Oberviechtach komme. Er nennt die drei Vorteile daraus: Die Bereitschaftspraxis ist immer am gleichen Ort (Krankenhausgebäude in Oberviechtach). Die Dienstschicht hat nicht 24 bis 72, sondern 8 bis 12 Stunden. Die Hausbesuche erfolgen zusammen mit einem Fahrdienst, der die Strecke günstig koordiniert.

Dr. Georg Schwindl arbeitet gerne im Bereitschaftsdienst: "Es ist eine wertvolle Erfahrung. Man ist in einer akuten Fragestellung gefordert und muss entscheiden." Entscheidungsmöglichkeit und Verantwortung sind zwei Bereiche, die ihm gefallen. "Damit komme ich gut zurecht!"
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