Meinhard Köstler referiert im Museum über Lein
Karriere einer Naturfaser

Die Ausstellung im Museum zeigt auch Werkzeuge zur Flachsbearbeitung. Bilder. bgl (3)
Vermischtes
Oberviechtach
31.03.2016
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In einem solchen Leinenhemd steckte früher viel Arbeit. Leinen ist zwar unelastisch, knitteranfällig und nicht gut färbbar, dafür aber sehr reißfest und fusselfrei und auch wenig anfällig für Schmutz und Bakterien.

So viel Robustheit hat die Menschen schon vor Millionen Jahren überzeugt: Die Pflanze Lein gab dem Stoff Leinen seinen Namen. Diese Erfolgsgeschichte, aber auch moderne Konkurrenten beleuchtete Meinhard Köstler bei einem Vortrag im Museum.

"Vom Lein zum Leinen - Karriere einer Naturfaser": So lautete das Thema eines Vortrags im gut besetzten Kulturzentrum des Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseums. Es ging dabei um die Geschichte des Flachsanbaus, der ältesten Naturfaser der Welt. Die Verarbeitung zu einem hochwertigen Produkt beleuchtet auch die Geschichte der Menschheit.

Die Spurensuche lässt sich bis zu zwei Millionen Jahre zurückverfolgen, erklärte der Heimatforscher Meinhard Köstler aus Neualbenreuth bei seinem Vortrag. Damals hatte im Lauf der Evolution der Mensch durch den Einfluss der heißeren Savanne Afrikas sein natürliches Kleid, das Fell, verloren. Man musste weniger schwitzen, weniger trinken und konnte über einen größeren Aktionsradius verfügen.

Kordel oder Faden


An einem Fluss am Kaukasus wurden angeblich vor 33 000 Jahren Menschen aufmerksam auf eine Pflanze, die hüfthoch nahe an Behausungen wächst und im Herbst ölhaltige und essbare Samen trägt. Sie eignet sich nach einfachster Behandlung für feste Kordeln. Das Material kann zum Fischfang verwendet werden, aber auch als Nähfaden für Felle. In einer Höhle in Georgien am Kaukasus fand man aus einer Zeit vor 32 000 Jahren erste Spuren eines Hemdes und einer Hose sowie 488 einzelne Flachsfasern. In einer Höhle in Südmähren entdeckten Forscher aus einer Zeit vor 28 000 Jahren Hinweise auf eine Flachsverarbeitung. Langsam bediente sich der Mensch auch der Kleidung als Statussymbol und bemerkte die daraus resultierende soziale Funktion.

Aber es kam auch die Zeit, als das Leinen Konkurrenz auf breiter Front erfuhr. Die Baumwolle machte dem Material ab dem 18. Jahrhundert die Stellung streitig. Deren Samenfaser ist unempfindlich gegen Hitze, Feuchtigkeit und Frost, widerstandsfähig gegen Laugen und extrem langlebig, benötigt allerdings bei der Gewinnung einen hohen Energiebedarf. Eine weitere Konkurrenz brachte die Maulbeerseide. Die Gewinnung dieser Endlosfaser (50 Kilometer) erfolgt durch die Verpuppung der Seidenraupe; nach 30 Tagen wird der Seidenfaden abgehaspelt, er kann sofort verarbeitet werden. Zu den Vorteilen der Seide zählt nach der Verarbeitung zu einem höchst edlen Stoff der Glanz. Ein weiteres Statussymbol der Maulbeerseide ist deren Härte. Nachdem die Oberflächenstruktur härter ist als Edelstahl sägten die Ägypter mit Maulbeerseide durch Steine. Die Muschelseide konnten sich allerdings nur der Hochadel und hohe Kirchenherren leisten, denn das zu verwendende Sekret aus dem Fuß der edlen Steckmuschel ist höchst aufwendig bei der Herstellung.

Reißfest und fusselfrei


Schließlich verglich Referent Meinhard Köstler die Eigenschaften von Leinen mit den Vorzügen der Konkurrenten und stellte fest: Das Leinen ist zwar unelastisch, knitteranfällig und nicht gut färbbar, dafür aber sehr reißfest, fusselfrei und für Maler und Fotografen die beste Grundlage. Leinen sei auch wenig anfällig für Schmutz und Bakterien, als Bettwäsche im Winter warm und im Sommer kühlend. Außerdem beute die Pflanze beutet den Boden nicht aus, so dass die Folgesaaten besser gedeihen. Nach einer längeren Diskussion bedankte sich der Museumsleiter Dr. Karlheinz Foißner bei Meinhard Köstler mit einem Oberviechtacher Eisenbarth-Elixier.

Vom Flachs zum StoffIm letzten Teil seines Vortrags befasste sich Köstler mit der Aufbereitung und Verarbeitung der Flachs-Naturfasern. An der kornblumenblauen Farbe könne man ein Flachsfeld in der Blütezeit erkennen, mattgelb sei es im ausgereiften Zustand. Geerntet wurde mit dem Wurzelwerk. Dann wurde die Pflanze zum Trocknen aufgelegt, oder je nach den Witterungsverhältnissen auch aufgemandelt. Man riffelte die Samenkapseln ab, zum "Darren" oder endgültigem Austrocknen musste meistens nach dem Brotbacken der noch leicht aufgeheizte Backofen herhalten. Die nächsten Arbeitsgänge zur Absonderung der Faser von der Schale betrafen das Brechen und das grobe bis feine Hacheln. Somit erreichte man auch die Trennung der Faser vom sogenannten "Weach". Schließlich konnte das reine Material auf dem "Rogger" aufgespannt werden und mit dem Spinnradl zu feinem Garn versponnen werden. Mit dem Haspel wickelte man den Faden von der Aufwickelrolle des Spinnrads ab und bekam "Schog" mit jeweils gleicher Fadenlänge, welche durch zuklappen der Feder angezeigt wurde. Zwei "Schog" bedeutete ein "Stränl", womit der Weber beliefert wurde, der verschiedene Webarten anbieten konnte. Darauf musste lediglich noch gebleicht werden, und fertig war das Tuch, das wiederum der Schneider für jeden Bedarf weiter bearbeiten konnte. (bgl)
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