Viel Gefühl für Kafkas Käfer

Langanhaltend war der Applaus nach der gelungenen Premiere von Kafkas "Die Verwandlung", die von Florian Wein (Mitte) für die Bühne bearbeitet worden war. Die Laiendarsteller, mit großer Erfahrung ausgestattet, spielten ihre Rollen mit Bravour. Bilder: weu (3)
Vermischtes
Oberviechtach
05.10.2016
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Michael Zanner als "Prokurist" spielte sehr ausdrucksstark.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Dieser Satz aus Franz Kafkas "Die Verwandlung" ließ Regisseur Florian Wein nicht mehr los. Den Gästen der Premiere wird es ähnlich gehen.

Der wohl bekannteste Satz aus Franz Kafkas "Die Verwandlung" dürfte vielen Gymnasiasten noch im Ohr liegen. Florian Wein, der künstlerische Leiter des Theaterensembles Ovigo war von der Schullektüre so fasziniert, dass er eine Bühnenversion dazu schrieb. Zur "Uraufführung" im Pfarrheim, zugleich "Weltpremiere", begrüßte Wein zahlreiche Zuschauer, darunter auch Schauspiel-Kollegen des Landestheaters Oberpfalz.

"Lasst euch mitreißen, aber auch verzaubern und taucht ein in eine absurde, eben kafkaeske Welt, die nur auf den ersten Blick verstörend wirkt", empfahl er dem Publikum. Als der Handlungsreisende Gregor Samsa (dargestellt in verschiedenen Rollen von Jana Tölzer, Fabian Schmid, Tobias Heindl und Stefan Malzer) eines Morgens als Ungeziefer in seinem Bett aufwacht, ist die Welt aus den Fugen geraten. Während er seine Situation mehr beschreibend, als emotional betroffen darstellt, reagiert sein Umfeld unterschiedlich: Herzlos und fordernd der Vater (Stefan Neubauer), den die Zeitung mehr interessiert als sein Sohn, zunächst unbeteiligt die Mutter (Julia Hofmeister).

Kurze Szenen "als Mensch"


Seine Schwester Grete (Julia Ruhland) versorgt ihn mit Essensresten. Aufklärung verschafft der Prokurist (Michael Zanner), der das Fernbleiben Gregors von der Arbeitsstelle rügt: "Ihre Leistungen waren sehr unbefriedigend in letzter Zeit", mahnt er das Ungeziefer Gregor an. "Er macht sich einen Narren aus uns", kommentiert er die seltsamen Laute, die aus Gregors Zimmer kommen. Während die Mutter doch den Gesundheitszustand ihres Sohnes anspricht ("Vielleicht ist er schwer krank und wir quälen ihn"), zieht der Vater ein Fazit: "Die Bedingungen in diesem Haus haben sich geändert. Wir schließen die Tür zu Gregors Zimmer ab." In kurzen Szenen, in denen Gregor als Mensch auftrat, wurde deutlich, dass er als Alleinverdiener mit seinem Geld die Familie ernähren musste, dass ihn sein anstrengender Beruf überfordert und er keine Beziehung zu einer Frau hat. Ist Gregor noch zu retten in einer gefühllosen Umgebung? Gibt es noch Hoffnung für ihn?

Mit erstklassigen Lichteffekten, Zeitlupenhandlungen, monotonem Kopfnicken, musikalischen Untermalungen, teilweise verrückten Kostümen und natürlich der spannenden Darstellung des Ungeziefers ist es Florian Wein und dem gesamten Ensemble gelungen, eine Stimmung zu erzeugen, die den Zuschauer in ihren Bann zieht, verblüfft und tagelang beschäftigt. Die dargestellten Charaktere geben Anlass zur Auseinandersetzung, zur Diskussion, ja selbst zu psychologischen Studien.

Bemerkenswert ist, dass kein Profischauspieler mitwirkt. Es handelt sich um Laien, die allerdings enorme schauspielerische Erfahrung, großes Talent und ausgiebige Spielfreude mitbringen. Einige arbeiten mit dem Landestheater Oberpfalz (LTO) zusammen, so wie Regisseur Wein selbst und die junge Jana Tölzer, die eine wichtige Rolle spielt. Sie stand auf der Burg Leuchtenburg unter anderem bei Pippi Langstrumpf, Schneewittchen und Robin Hood auf der Bühne.

Aufführungen


Weitere Termine: Schwarzachtalhalle Neunburg vorm Wald (Samstag, 8. Oktober, 20 Uhr, Preis: 12 Euro, erm. 6 Euro) und im "W1" in Regensburg (15. Oktober um 20 Uhr; 16. Oktober um 19 Uhr).

ErfolgsgeschichteDie Erfolgsgeschichte von Ovigo (Ovi steht für Oberviechtach, OGO für das Ortenburg Gymnasium): 1979 gründete der Kunsterzieher Wolfgang Pöhlmann das Ortenburg-Ensemble am Gymnasium und brachte als Regisseur erfolgreiche Theaterstücke auf die Bühne. Im Jahr 2012 lösten die "Ehemaligen" des OGOs, Wolfgang Pöhlmann, Julia Gruber, Florian Wein und Julia Ruhland das Ensemble von der Schule. Das Zepter übernahmen Julia Ruhland und Florian Wein, Spieler von außerhalb ergänzten das Ensemble. Im Frühjahr 2015 begeisterte Ovigo mit dem bissigen Kultstück "Der Gott des Gemetzels" 500 Zuschauer in der Oberpfalz und Nürnberg. 2015 wurde das Ensemble mit dem Bayrischen Amateurtheaterpreis ausgezeichnet. Stücke wie "Diamond Lucy" und "Ionescos Unterrichtsstunde" folgten. "Schneewittchen" steht als Märchen in der Vorweihnachtszeit auf dem Plan. Für 2017 hat sich das ehrgeizige Team fünf neue Theaterproduktionen vorgenommen. Der Traum von Florian Wein und den Schauspielern ist ein eigenes Theaterhaus. (weu)
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