Ein Leben im Reisefieber

In New York genoss Hans Söllner unter anderem den Ausblick vom weltberühmten Empire State Building. Bilder: Privat (3)
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Pechbrunn
08.01.2016
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Hans Söllner suchte bei seinen Reisen um den Globus stets den Kontakt zur Bevölkerung, um sich aus erster Hand über deren alltägliches Leben und auch deren Probleme zu informieren. Gerne erinnert er sich etwa an die Begegnungen mit den Bewohnern der Inselwelt in Französisch-Polynesien.

Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen - so lautet ein bekanntes Sprichwort. Auf Hans Söllner aus Groschlattengrün trifft das in ganz besonderer Weise zu, denn er hat in seinem Leben mehr als 100 Fernreisen unternommen.

Groschlattengrün. Wenn der heute 81-Jährige seine Reisen plante, interessierte ihn stets weniger, wie perfekt ein Hotel ausgestattet war oder was Hochglanzprospekte sonst noch anpriesen - es ging ihm in erster Linie um die Menschen in fremden Ländern - wie sie lebten, wie sie wohnten und mit welchen Schwierigkeiten und Nöten sie im täglichen Leben zu kämpfen hatten. Hans Söllner, der alle Kontinente der Erde besucht hat, passt nicht ins Klischee eines Weltenbummlers, der Länder im Schnelldurchgang bereist und sogenannte touristische Höhepunkte auf einer Strichliste abhakt.

Der frühere Bahnangestellte geht heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf Tour, erinnert sich aber gerne zurück an 60 Jahre voller erfüllter Reiseträume. Dabei handelte es sich in vielen Fällen nicht um reine Vergnügungsunternehmen. So war er etwa bei minus 35 Grad in Sibirien unterwegs und hat bei 45 Grad Hitze 2000 Kilometer auf dem Amazonas in Südamerika zurückgelegt. In der Anfangszeit fuhr Hans Söllner als Passagier auf spärlich ausgestatteten Frachtschiffen mit, Kreuzfahrten hat es damals noch nicht gegeben.

Antigua bis Usbekistan


Söllner reiste nicht nur quer durch Europa und in "typische" Urlaubsländer wie Ägypten, die Türkei, Tunesien, Kanada, Mexiko, die USA, Australien, Neuseeland, Thailand, Malaysia, Indonesien, Kuba oder die Dominikanische Republik - in seiner Reisebilanz finden sich auch viele Ziele, die von deutschen Touristen früher noch weitgehend unentdeckt waren oder es immer noch sind. Dazu zählen Antigua, die Bahamas, Barbados, Brasilien, China, Costa Rica, Ecuador, die Elfenbeinküste, die Fidschi-Inseln, Französisch-Polynesien, Ghana, Grenada, Guatemala, Guyana, Haiti, Honduras, Indien, Israel, Jamaika, Japan, Kolumbien, Liberia, Nepal, Pakistan, Panama, Peru, Samoa, der Senegal, Sierra Leone, Sri Lanka, Surinam, Syrien, Taiwan, Tobago, Tonga, Togo, Tuvalu und Usbekistan.

Der leidenschaftliche Hobbyfotograf, der mehr als 50 000 Dias von seinen Reisen im Schrank stehen hat und einst auch Vorträge präsentierte, folgte stets dem Bedürfnis, fremde Kulturen zu erleben und durch Begegnungen mit den Menschen Verknüpfungen mit der eigenen Kultur zu suchen. Besonders beeindruckt haben ihn dabei die Naturvölker. "Ein Blick hinter die Kulissen eines Landes macht auch nachdenklich angesichts der tiefen Kluft, die heute Industrie- und Entwicklungsländer trennt", sagt Söllner. Viele seiner Reisen habe er mit gemischten Gefühlen angetreten - abgeschreckt hätten ihn negative Vorfälle aber nicht. So erinnert sich Söllner an einen Flug nach Südostasien im Jahr 1981: Kurz vorher hatten fünf Luftpiraten ein indonesisches Verkehrsflugzeug gekapert, um 80 politische Gefangene frei zu pressen. In Bangkok wurde die Maschine gestürmt und alle Piraten wurden getötet - die Passagiere blieben unverletzt. Flugzeugentführungen hatte es in den Jahren davor immer wieder gegeben. Unvergessen ist dabei das Drama um die Lufthansa-Maschine "Landshut" im Jahr 1977.

Der verplante Mensch in unserem Land kann von freien Menschen in weiten Teilen der Welt lernen, dass der Sinn des Lebens nicht in materiellen Dingen liegt.Hans Söllner

Eine Woche in Quarantäne


Hans Söllner fand sich auch selbst hin und wieder in brenzligen Situationen wieder. Während eines Aufenthalts in Beirut (Libanon) im Jahr 1986 wurden 100 Zivilisten bei Straßenkämpfen zwischen verfeindeten Milizen getötet. Als Söllner 1970 in Mersin in der Türkei weilte, starben 50 Menschen an der Cholera. Aus diesem Grund stand er eine Woche lang unter Quarantäne. Auch auf den Philippinen, in Nord-Luzon, kam es zu einem unvergesslichen Zwischenfall. "Fünf Männer stoppten unseren Jeep und kassierten Bargeld und Wertsachen. Zum Glück waren die Flugscheine, die Reiseschecks und der Pass im Hotel aufbewahrt." Solche Ereignisse habe man natürlich erst einmal verarbeiten müssen. "Aber man muss sich nach jedem Vorfall dieser Art auch fragen, wie viele schöne Urlaubserlebnisse man bisher hatte."

Nach der Ankunft am jeweiligen Ziel seien im Vorfeld aufgekommene Sorgen und Bedenken meistens rasch vergessen gewesen, berichtet Söllner. Landschaften, Städte, Dörfer und vor allem Menschen haben den Reisenden immer wieder aufs Neue fasziniert. "Wie Mosaiksteine, die sich zu einem umfassenden Bild zusammenfügen, werden plötzlich Realitäten sichtbar, für die die aus Deutschland mitgebrachten Maßstäbe keinerlei Gültigkeit mehr haben." Nach mehrwöchigen Aufenthalten hätten scheinbar wichtige Dinge in der Heimat stets an Bedeutung eingebüßt. "Vieles, was davor meine gesamte Aufmerksamkeit beansprucht hat, erschien oft belanglos."

Hans Söllner ist nach jahrzehntelangen Reiseerfahrungen von einer Sache ganz besonders überzeugt: "Der verplante Mensch in unserem Land kann von freien Menschen in weiten Teilen der Welt lernen, dass der Sinn des Lebens nicht in materiellen Dingen liegt."
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