Ukrainisches Patenkind von "Aktion-Tschernobyl"-Koordinator Dr. Josef Ziegler in der Oberpfalz
Zur Hospitanz nach Pfreimd

Dr. Peter Mertins (links) zeigte seinem Hospitanten Vitali Mykhailyshchuk (rechts) die Arbeitsweise in der Pfreimder Zahnarztpraxis. Bild: Völkl
Kultur DE/WELT
Pfreimd
23.07.2015
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Pfreimd. (cv) Als Vitali von 20 Jahren in Uljanovka zur Welt kam, war das wie ein Symbol der Hoffnung in der Tristesse eines ukrainischen Krankenhauses, das am Tropf hing. Dr. Josef Ziegler, der damals eine Hilfslieferung der "Aktion Tschernobyl" koordinierte, wurde spontan Taufpate. Nun, 20 Jahre später, hospitierte Vitali in Pfreimd.

Dr. Ziegler erinnert sich an den Tag im Mai vor 20 Jahren. Vitalis Mutter Natascha lag in einem der kargen Krankenzimmer, den kleinen Sohn im Arm. Der Pfreimder Mediziner wurde Taufpate. Das Geschenk, eine Goldmünze, hat nach wie vor einen Ehrenplatz in der Familie Mykhailyshchuk. Vitalis Vater ist Zahnarzt in Uljanovka. "70 Prozent sind Schmerzpatienten", erzählt Vitali. Es wird auch Zahnersatz gemacht. Doch bezahlen kann das eigentlich nur die Oberschicht in Kiew oder Odessa. "Wer kaum Geld zum Essen hat, kann sich das nicht leisten", so Vitali. Keramik ist teuer, folglich wird viel Metall verwendet.

Vitali studiert im siebten Semester Zahnmedizin. Und das mit 20? Im ukrainischen Bildungssystem entscheidet nach der elften Klasse ein Test über die Möglichkeit zu studieren. Die Ausbildung in den ersten Semestern setzt den Schwerpunkt auf Theorie und Technik. Vitalis Vater kaufte mit Vermittlung Dr. Zieglers in Deutschland einen Zahnarztstuhl für seine Praxis. Darauf oder auf die vom Verein "Aktion Tschernobyl" in Partnerkrankenhäuser gelieferten medizinischen Geräte möchte Dr. Ziegler aufbauen. Die Hilfsorganisation ist im Umbruch.

Sie hat sich von der jährlichen Konvoi-Fahrt verabschiedet. Die medizinischen Hilfsgüter für ukrainische Partnerkrankenhäuser werden nun von einer Spedition in die Ukraine geliefert. Der erste Testlauf war erfolgreich. Dr. Ziegler setzt parallel dazu auf Wissensvermittlung, auf Coaching. Er möchte jungen Studenten die Möglichkeit geben, in Deutschland Arbeitsmethoden und Geräte kennenzulernen. Natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass die gespendeten medizinischen Ausstattungen entsprechend bedient und betreut werden.

Besuch der Zahnklinik


Bereits seit Jahren lädt Dr. Ziegler immer wieder junge Ukrainer ein, die medizinische Berufe ergreifen wollen oder darin tätig sind. Labor, Neurochirurgie, Gynäkologie - etliche Hospitanten verbrachten schon einige Wochen in der Oberpfalz. Das soll weiter ausgebaut werden. Vitali Mykhailyshchuk wohnte rund vier Wochen bei Dr. Josef Ziegler und seiner Frau Angelika. Sie organisierten Besuche an der Uni in München, in der zahnmedizinischen Klinik in Regensburg oder bei Zahntechnik Reil in Nabburg. In Pfreimd konnte der junge Student Zahnarzt Dr. Peter Mertins über die Schulter schauen. Er und sein Kollege Dr. Josef Dirscherl nahmen den 20-Jährigen, der zu Hause einen Deutsch-Intensivkurs belegt hat, rund drei Wochen unter ihre Fittiche.

Arbeitsweise, Diagnostik, Methodik und Fallbesprechung: "Wir haben besprochen, was gemacht wird, welche Probleme der Patient hat und wie man sie löst", erzählt Dr. Mertins. Vitali gefiel es bei dem eingespielten Team, "in der konzentrierten, freundlichen Atmosphäre." Er ist mehr "hierarchische Strukturen" gewöhnt. Völlig verblüfft war Vitali über das zwölfköpfige Helferteam und dessen Verantwortungsbereich.

Das Berufsbild der Zahnarzthelferin gibt es in der Ukraine nicht. Zwangsläufig sind manche Methoden, die eine spezielle Zuarbeit erfordern, nicht möglich. Der ukrainische Student war vor allem von der Online-Patientenverwaltung, der umfassenden Dokumentation, dem professionellen Arbeiten und der Prophylaxe in der Schule beeindruckt.

Wissbegierig

"Vitali ist wissbegierig und konzentriert, wir alle mögen ihn", fasst Dr. Mertins nach der Hospitanz zusammen. Er und sein Praxisteam haben dem angehenden Kollegen viel Zeit gewidmet und es "gerne getan". Die letzten Wochen möchte auch Vitali nicht missen.

Er sagt Danke dafür, "dass man sich so mit mir beschäftigt hat, mir so viel Sympathie entgegen brachte". Zwei Tage half er auch der Aktionsgruppe, als sie die Hilfsgüter für den nächsten Transport zusammenstellte. Sie gehen in das Krankenhaus, in dem Vitali zur Welt kam.
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