Die Ukraine nicht vergessen

Dr. Josef Ziegler (rechts) und Architekt Georg Schönberger wollen das Kreiskrankenhaus Narodytschi bei der Sanierung der Kinderstation unterstützen. Bild: Völkl
Lokales
Pfreimd
04.12.2015
99
0
 
Dr. Josef Ziegler (rechts) und Architekt Georg Schönberger wollen das Kreiskrankenhaus Narodytschi bei der Sanierung der Kinderstation unterstützen. Bild: Völkl

1992, als der erste Hilfskonvoi Kiew ansteuerte, stand ein kleiner schmächtiger Mann am Parkplatz und bat um Hilfe für seine kleinen Patienten in der Neurochirurgischen Kinderklinik. Eine Brücke der Hilfe zwischen Professor Dr. Juri Orlov und der Aktion Tschernobyl wurde geschlagen. 22 Jahre lang. Nun ist Dr. Orlov gestorben.

Pfreimd. (cv) "Er ist uns ein guter Freund gewesen". Dr. Josef Ziegler, Kopf der Aktion Tschernobyl, erinnert sich an viele Besuche, das gemeinsame Ringen um menschenwürdige medizinische Standards. Seit 1992 unterstützt die Pfreimder Initiative mehrere Partnerkrankenhäuser in der Ukraine. Am längsten und intensivsten war der Kontakt zu Dr. Orlov. Den Helfern, die den ersten Konvoi, wenige Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, begleiteten und Pakete in der Neurochirurgischen Kinderklinik abluden, gehen die Bilder auch heute noch nicht aus dem Kopf: Kleinkinder, Säuglinge mit schrecklichen Missbildungen, verzweifelte Mütter, die Ohnmacht der Ärzte angesichts des Mangels.

Wie geht es weiter?

Es ist viel geschehen. Mit Hilfe aus der Oberpfalz wurden in dem 400-Betten-Haus zwei Sterilisationsreihen aufgebaut. Die Kinderabteilung Dr. Orlovs erhielt mit den jährlichen Konvois medizinische Geräte, Neuroskope für die Operationen am Gehirn und am Rückenmark, Kanülen, Spritzen, Bettwäsche. Mit dem Tod des ukrainischen Partners "ist ein Riss durch die Klinik gegangen", so Dr. Ziegler. Als der Mediziner nun vor einigen Wochen in der Ukraine war, gab es ein Gespräch in der Klinik. Wie geht es weiter? Ansprechpartner werden nun der Direktor und Dr. Orlovs Sohn Mischa sein, der ebenfalls als Mediziner am Krankenhaus praktiziert.

Im Januar wird Dr. Ziegler wieder eine Inspektionsreise in die Ukraine machen. Die Sterilisationsgeräte haben inzwischen ein gewisses Alter. Kontrolle und Wartung übernehmen Monteure der Initiative. Inzwischen haben sich Klinikmitarbeiter einiges abgeschaut, doch man wird vor Ort Wartungsfirmen einbinden "und mehr an das Haus übergeben müssen".

Aus dem jährlichen Konvoi der Hilfsorganisation sind inzwischen regelmäßige Transporte über Speditionen geworden, die Hilfsgüter für die Partnerkrankenhäuser geladen haben: Für Jagodin, Uljanovka, nun Narodytschi: Betten, Geräte, Bettwäsche, Fliesen. Das Kreiskrankenhaus in der radioaktiv verstrahlten Zone möchte die desolate Kinderstation renovieren und erneuern. "Wir versuchen zu helfen", so Ziegler. Bei der letzten Reise war der Pfreimder Architekt Georg Schönberger dabei, um sich das geplante Projekt anzusehen. Wo soll man anfangen? Um die Kinderstation zu sanieren, muss im Haus Grundlegendes erneuert werden, so Schönberger. "Stromverteilung, Heizung, es gibt keine Dachrinnen". Dr. Ziegler unterbricht den Architekten. "Das können wir nicht leisten, wir müssen uns auf das Wichtigste konzentrieren. Also die Stromverteilung, dann die Kinderstation". Schönberger hat die Pläne für die Station überarbeitet. Mit 35 000 Euro ließe sich das Nötigste machen. "Dabei sind wir auf Sponsoren angewiesen", so Dr. Ziegler. Um die Kasse aufzubessern, werden jedes Jahr Misteln aus Ungarn geholt und auf den Weihnachtsmärkten verkauft. Auch Schulen und Vereine sind verlässliche Partner.

Schon so lange her. . .

"Doch das Aufkommen ist weniger geworden", so der Mediziner mit Blick auf die Flüchtlingssituation, die Katastrophen in vielen Ländern. "Viele denken, Tschernobyl, das ist doch schon so lange her. Und doch ist die Not so gegenwärtig". Ziegler zitiert den EU-Kommissar Günter Verheugen: "Schaut auf die Ukraine". Der Pfreimder Arzt sieht bei jeder Fahrt die desolate Situation, die Jugendlichen ohne Perspektive. "Die wissen nicht, wie es weiter geht, die hauen irgendwann ab. Das ist dann die nächste Flüchtlingswelle". Umso wichtiger ist es ihm Hilfe ins Land zu bringen.

Wie wird gewährleistet, dass bei den Hilfslieferungen nichts in dunkle Kanäle verschwindet? Die Aktion Tschernobyl setzt auf direkte Ansprechpartner, persönliche Kontakte und kontinuierliche Kontrolle, wie und wo die Hilfe aus der Oberpfalz eingesetzt wird. Wer den Aufbau der Kinderstation in Narodytschi unterstützen möchte: Aktion Tschernobyl Pfreimd e.V., Sparkasse Pfreimd, Kontonummer: 570 050 344, BLZ: 750 510 40, IBAN: DE43 7505 1040 0570 0503 44. Dringend benötigt wird auch Bettwäsche. Spenden können bei Dr. Josef Ziegler, Freyung 5, in Pfreimd abgegeben werden.
Weitere Beiträge zu den Themen: Sparkasse (9730)Dezember 2015 (2649)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.