Pfreimder Aktion Tschernobyl: Dr. Josef Ziegler kennt Ukraine seit 24 Jahren - Verein hilft ...
Oberpfälzer Hilfskonvois zwischen politischen Fronten

Röntgen- und Sterilisationsgeräte, Betten und Bettwäsche, Badewannen und Kindernahrung. Die Konvois der Aktion Tschernobyl rüsten Partnerkrankenhäuser in Kiew, Gaiwaron, Jagotin, Narodytschi, Slawutytsch und Uljanowka aus. Bilder: Herda/privat
Lokales
Pfreimd
28.10.2014
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Er ist seit einem Vierteljahrhundert in der Ukraine unterwegs: Dr. Josef Ziegler, Vorsitzender der Pfreimder Aktion Tschernobyl, rüstet Kliniken im Westen des Landes aus. Der Weiherhammerer weiß: Das Land steht auch nach den Wahlen am Scheideweg.

"Ich verstehe den Westen nicht", ärgert sich der Allgemeinmediziner im Ruhestand über den politischen Gleichmut vieler Politiker. "Weder Peter Gauweiler noch Antje Vollmer haben bei der Podiumsdiskussion in Weiden klar gesagt, dass Putin das Völkerrecht bricht - 4000 Tote seit Beginn der Krise, zählt ein Menschenleben denn gar nichts mehr?"

"Gott weiß, was geschieht"

Erst im September hatte Ziegler, der am Donnerstag 73 Jahre alt wird, den 24. Konvoi seines Vereins nach Kiew begleitet: Acht Tage unterwegs im Führungsfahrzeug, insgesamt 4000 Kilometer, Beruhigung der 24 Mitarbeiter, wenn kleine Missverständnisse beim Zoll zu Verzögerungen führen, das schlaucht: "Die Tour hat mich körperlich angestrengt." Es ist aber auch die Verantwortung, die an die Nieren geht: "Die Lkw gehören uns nicht, lass da mal was passieren." Klar, die Fahrzeuge sind versichert und kleine Sachschäden reparieren die Mechaniker. "Aber Gott weiß, was alles geschehen kann."

Die Politik entzweit das Land. Das spürt Ziegler auf Schritt und Tritt. "Wir waren gerade in Narodice in der verstrahlten Zone unterwegs", erzählt er ein Beispiel, wie der Bruderzwist auch das eigene Umfeld erreicht. "Mein Chauffeur Grisa telefonierte aufgebracht - es war der Morgen, als ein Flugzeug mit 40 Soldaten abgeschossen wurde." Der Fahrer ist der Überzeugung, die ukrainische Armee habe ein Dorf beschossen, es gab 40 Tote. "Meine Dolmetscherin mischte sich ein, beide begannen zu streiten." Der russisch-stämmige Grisa und die Ukrainerin Sophia sind befreundet, aber der Streit war nicht mehr zu schlichten. "Nachmittags drehte sich die Nachrichtenlage", sagt Ziegler, "die Separatisten hatten das Flugzeug abgeschossen, es war auf das Dorf gestürzt."

Seit die Aktion Tschernobyl - auf Initiative des Anti-WAA-Wortführers, Altlandrat Hans Schuierer - 1991 unmittelbar nach der politischen Wende in der Sowjetunion gegründet worden war, war es gute Praxis, sich aus der Politik herauszuhalten. "Man glaubte damals, die Leute verhungern", erinnert sich Ziegler, damals Chefarzt beim Roten Kreuz. "Wir brachten Lebensmittel und Kleidung." Aber der Mediziner merkte bald: "Das Gesundheitswesen lag im Argen." Aus der Initiative entstand der Verein - mit heute rund 80 Mitgliedern, darunter nicht wenige Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger. "Wenn es irgendwie ging, überließen wir die Verhandlungen mit den Behörden unseren Partnern vor Ort."

Aufbruch blieb aus

Wie aber will man heute noch neutral bleiben? Ziegler hat bewegende Stunden auf dem Majdan miterlebt: "Ich war 2005 bei der Orangenen Revolution dort, als eine Hochstimmung herrschte - alle dachten: Das ist der Aufbruch, jetzt schaffen wir es." Doch Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die beiden Gewinner der friedlichen Bewegung, vermasselten die Chance. "Beim Euro-Majdan ging es nicht um Wohlstand, sondern um Freiheit: ,Wir lassen uns die Korruption nicht mehr gefallen'."

Das Paradox: Während sich prowestliche und prorussische Ukrainer unversöhnlich gegenüberstehen, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl gewachsen. "Früher interessierten sich die von Habsburg geprägten Lemberger und die von Russland dominierten Charkiwer kaum füreinander", sagt Ziegler. "Heute will man gemeinsam die Ukraine erhalten." Am Morgen des Wahltags hat der Arzt mit Sophia, der Dolmetscherin, telefoniert: "Poroschenko und Klitschko werden die meisten Stimmen bekommen", da sind sich alle sicher. Aber: "Je länger die politische und wirtschaftliche Misere anhält, desto skeptischer werden die Leute."

Der verheerende Zustand des Landes hat auch Auswirkungen auf die Aktion Tschernobyl: "Die Regierung hat einen Investitionsstopp in den Krankenhäusern verhängt", klagt der Vorsitzende. "Wir haben bei der letzten Lieferung Fliesen rübergebracht - jetzt dürfen die nicht renovieren und wir müssen auch noch den Kleber bringen." In einem anderen Krankenhaus hatte man bereits mit der Sanierung begonnen: "Die müssen 70 000 Euro zurückzahlen."

Keine gute Voraussetzung, um neue Mitglieder zu motivieren, weiß auch Ziegler. "Es gab schon beim letzten Konvoi Stimmen, die warnten, während des Krieges zu fahren." Doch seine langjährigen Partner in Stich zu lassen, ist für den Oberpfälzer keine Option: "Jeder, der die Kinder mit den furchtbaren Wasserköpfen in der Klinik gesehen hat, weiß, warum wir weitermachen müssen."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.aktiontschernobylpfreimd.de
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