30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl
Hilfe bahnt sich neue Wege

Die Kinder waren noch nicht auf der Welt, als vor 30 Jahren der Reaktor von Tschernobyl zerbarst. Doch sie leiden an den Spätfolgen. Hilfe kommt aus der Oberpfalz.
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Pfreimd
26.04.2016
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"Wenn Menschen sterben müssen, macht mich das wütend und traurig." Aus dieser Wut heraus initiierte Dr. Josef Ziegler nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die "Aktion Tschernobyl". Jährliche Konvois brachten Hilfsgüter im Wert von weit über 20 Millionen Euro in ukrainische Krankenhäuser. Ein Grund für den Arzt, sich zufrieden zurückzulehnen?

Der 74-jährige Mediziner kennt die Not, macht weiter, findet Wege, die Hilfe zur Selbsthilfe auszubauen. Vladimir Kudenov ist gerade am Telefon. Der Ukrainer, der bei der Firma Pfleiderer beschäftigt war, ist ein Glücksfall für den Pfreimder Arzt. Kudenov koordiniert in Naroditschi die Sanierung der Kinderstation mit Geldern der "Aktion Tschernobyl und der Benefizaktion "Ein Herz für Kinder." Boxweltmeister Vladimir Klitschko wurde hier vor vier Jahren ins Boot geholt. 55 000 Euro sind das Startkapital. Vor drei Wochen wurden Fliesen, Betten und die neue Stromverteilung auf einen Sattelschlepper verladen. Baubeginn ist im Mai, Ende des Jahres soll der Trakt für 20 Kinder fertig sein. Dr. Ziegler kann bei seinen Aktionen auf Spenden aus der Region setzen - auf Bürger, Vereine, Schülerinitiativen, die ihm seit so vielen Jahren vertrauen. Bei 65 Inspektionsreisen - auf eigene Kosten - hat die Korruption keine Chance.

"Der OB kaufte Mehl"


Das Krankenhaus hat eine besondere Geschichte: "Wir helfen Russland" war die Spendenaktion des Landkreises Schwandorf betitelt, die 1991, in Zeiten der Anti-WAA-Bewegung auf Initiative von Landrat Hans Schuierer entstanden war. "Überwiegend wurden Lebensmittel ins Land gebracht", erinnert sich Dr. Ziegler. Die Ukraine gab es noch nicht. Der Westen wusste von Tschernobyl, der Katastrophe, die sich fünf Jahre vorher ereignet hatte, und wusste doch so wenig. "Der Weidener OB Hans Schröpf hat Mehl gekauft", verdeutlicht Dr. Ziegler die Hilflosigkeit der Hilfe. Damals war er als BRK-Chefarzt in die Landkreis-Aktion eingebunden. Naroditschi in der verstrahlten Zone stand auf der Liste, blieb aber aus Zeitgründen auf der Strecke. Das kleine Krankenhaus wurde ein zentraler Anlaufpunkt, als sich 1997 die "Aktion Tschernobyl" gründete.

Dr. Ziegler fuhr damals nach Tschernobyl, war in der Schaltzentrale des Reaktors, in der heute vor 30 Jahren die Katastrophe ihren Lauf nahm. Was empfand er? Wenn Journalisten bei ihm anklopfen, "möchte jeder von Emotionen hören", erzählt er. "Wenn ich überall meinen Emotionen gefolgt wäre, hätte ich nie als Notarzt Leben retten können". Er empfand "Wut, dass die Katastrophe so viele Leben gekostet hat, Wut, dass ein Land mit den wirtschaftlichen Folgen, dem medizinischen Notstand alleine gelassen wird".

Bestände des Zivilschutzes


Der Mediziner erinnert sich noch gut an den Tag im Jahr 1992, als ein Konvoi in Kiew am Parkplatz Station machte und Dr. Juri Orlov um Hilfe für seine neurochirurgische Kinderklinik bat. Die Kontakte zu Patenkrankenhäusern wurden aufgebaut, in Kiew, Uljanovka, Jagodin und Naroditschi. Seit 1997 liefen die Konvois dann unter Regie des 100-köpfigen Vereins "Aktion Tschernobyl". Der Zerfall der UdSSR hatte etwas Positives: Das Bundesamt für Zivilschutz löste seine Lager, seine unterirdischen Krankenhäuser auf. Betten, Geräte, medizinisches Material wurde von den Ehrenamtlichen in Hannover, Kiel oder Aachen abgeholt, registriert, verpackt und eingelagert. 36 Mann brachten da schon mal zehn Sattelschlepper voller Ware bei Schnee und Eis durch die Karpaten ans Ziel - am arbeitsfreien Faschingswochenende. Später wurden die Touren ins Frühjahr verlegt. Als 2014 der Ukraine-Krieg ausbrach, änderte Dr. Ziegler aus Sicherheitsgründen die Strategie. Seitdem wird eine Spedition mit der Lieferung gezielt für ein Krankenhaus beauftragt. Die fünfte Lieferung ging vor drei Wochen nach Naroditschi. Ein Bauunternehmer aus Zitomyr ist mit der Sanierung beauftragt. "Man muss loslassen, die Hilfe zur Selbsthilfe weiter verstärken", so Dr. Ziegler. Wenn es auch nicht einfach ist. Von der ukrainischen Regierung wurden Krankenwagen für Notfallstationen gekauft. "Doch die Leute kommen zu mir, weil sie Reifen brauchen".

Wenn ich überall meinen Emotionen gefolgt wäre, hätte ich nie als Notarzt Leben retten können.Dr. Josef Ziegler



Weitere Informationen unter www.onetz.de/tschernobyl
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