30 Jahre Tschernobyl und die vielen Tage der Hilfe
Wer die Not gesehen hat

Die Anfänge der Hilfe: Aus Konvois mit Lebensmittelspenden und Verbrauchsartikeln wurde schnell gezielte medizinische Hilfe. Bilder: Völkl (2), hfz
Vermischtes
Pfreimd
25.04.2016
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Erwin Koppmann, Georg Schönberger, Josef Hägler, Dr. Josef Ziegler und Heinz Fink (von links) packen für den nächsten Sattelschlepper.

"Mutzi" hat Geburtstag. Dr. Josef Ziegler hat an eine Flasche Sekt gedacht, als sich die Helfer-Crew zum x-ten Mal in der Lagerhalle in Wernberg trifft. Das Team ist aufeinander eingespielt, verpackt, fertigt Ladelisten, bestückt den Sattelschlepper: Hilfe für Naroditschi, die Kinderstation des Kreiskrankenhauses in der verstrahlten Zone.

30 Jahre Tschernobyl, ein beklemmender Jahrestag, ja. Aber für die Helfer zählen die vielen Tage dazwischen, die vielen Jahre, in denen sie die Bausteine der Hilfe für die Partnerkrankenhäuser der Pfreimder "Aktion Tschernobyl" zusammenstellen. Seit 1997 gibt es den 100-köpfigen Verein. Die Mitglieder sind über ganz Deutschland verstreut. Wer hier hilft, weiß, auf was er sich einlässt. Josef Mutzbauer, früher Berufskraftfahrer, war beim ersten Konvoi Anfang der 90er Jahre dabei, hat haarige Situationen gemeistert, opferte seinen Urlaub. Jetzt, da die Hilfslieferungen für die vier Patenkrankenhäuser von einer Spedition übernommen werden, ist er beim Packen dabei.

"Ich hätte nie gedacht, dass es Menschen so schlecht gehen kann. Ich war froh und dankbar, wieder daheim zu sein", erzählt der 71-jährige Trausnitzer von seiner ersten Konvoi-Fahrt. Der Ukraine-Konflikt brachte 2014 das Aus für den jährlichen Konvoi. Jetzt wird mehrmals im Jahr eine Spedition mit den Lieferungen beauftragt. Josef Mutzbauer hilft nun der "Rentner-Crew". "Das macht zufrieden mit dem Leben", meint er schlicht.

Hilfe bitter nötig


Neben ihm verlädt Erwin Koppmann gerade Krankenbetten auf den Sattelschlepper. Sachte, es darf nichts beschädigt werden. 18 Mal hat der 67-jährige Nabburger den Konvoi begleitet. Warum tut er sich das an? "Wer die katastrophalen Verhältnisse in den Krankenhäuser gesehen hat, die Kinder, die hier liegen, der macht weiter", erzählt er. "Die Hilfsgüter werden nach wie vor bitter nötig gebraucht". Koppmann ist Realist: "Es gibt Dinge, die ändern sich auch in 50 Jahren nicht", meint er mit Blick auf das oft schwerfällige Arbeitstempo der Partner. "Da muss man manchmal schlucken". Auch Toleranz gehört zur Hilfe.

Verantwortung übertragen


Die Mitglieder der "Aktion Tschernobyl" sind über ganz Deutschland verstreut. Dr. Zieglers Frau Angelika ist von Anfang an die rechte Hand bei Schriftverkehr und Koordination, Tochter Lena betreut die Homepage, Tochter Antonia dolmetscht. Stück für Stück bindet Dr. Ziegler die Menschen in der Ukraine in mehr Verantwortung ein, motiviert für sein neuestes Projekt auch Fachleute aus der Region. Der Pfreimder Architekt Georg Schönberger hat Planung und Bauüberwachung für die Sanierung der Kinderstation übernommen. Elektromeister Josef Hägler sorgt für die Stromverteilung, freut sich, wenn er das Krankenhaus nach dem Umbau, der bewusst in die Hände einer ukrainischen Baufirma gelegt wurde, besuchen kann.

Drei Wünsche


Im Mai fliegt Dr. Ziegler wieder nach Naroditschi. Seine 66. Inspektionsreise. Einige verlassene Häuser erinnern hier an den Super-Gau. Doch die Menschen sind nicht evakuiert worden. Wohin sollten sie auch? Es wird Fußball gespielt und gefischt, als ob nie etwas geschehen wäre. Dr. Ziegler möchte diesmal die Friedhöfe der Stadt besuchen, sehen wie viele Menschen in welchen Jahren gestorben sind. Er kann nur helfen, indem er hilft, die medizinische Versorgung zu stabilisieren. Drei Wünsche hat er heute, am Jahrestag: Dass die Kinderstation Ende des Jahres fertig ist, dass das Personal die Sterilisationseinheiten, die er in Kiew und Naroditschi aufgebaut hat, eigenverantwortlich betreuen kann und dass der Verein noch weiter so aktiv sein kann, "denn wir werden alle nicht jünger".

Das macht zufrieden mit dem Leben.Josef Mutzbauer


Weitere Informationen im Internet unter www.onetz.de/tschernobyl

SpendenkontoAlle Aktivitäten des Vereine "Aktion Tschernobyl Pfreimd e.V." - Einkäufe medizinischer Geräte und Einmalartikel, Transporte und Hospitationsbesuche werden ausschließlich durch private Gelder finanziert. Spenden kommen von Firmen, Vereinen, Schulen und Privatpersonen. Wer die Arbeit unterstützen will: Konto "Aktion Tschernobyl Pfreimd e.V.", Sparkasse Pfreimd, IBAN: DE43 7505 1040 0570 0503 44.
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