Durch „Spitzbarts“ Reden hellhörig geworden

Atze Schmidt zieht Parallelen zur momentanen Flüchtlingssituation. Vor 55 Jahren berichtete er über die DDR-Flüchtlinge im Pfreimder Lager. Bild: hfz
Vermischtes
Pfreimd
15.11.2016
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Die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen ist eine Herausforderung. Atze Schmidt denkt in diesen Tagen oft daran, was er vor 55 Jahren erlebte - als Reporter für den Neuen Tag bei DDR-Flüchtlingen im Lager Pfreimd.

(cv/nt) 78 Jahre ist er nun. Er lebt in einem kleinen Dorf im Emsland und hält einen 55 Jahre alten Zeitungsausschnitt in der Hand. Atze Schmidt wirft ein Schlaglicht auf das Jahr 1961, als die Zahl der Flüchtlinge aus der DDR sprunghaft anstieg. Er erinnert sich noch genau: Bald waren sämtliche Aufnahme- und Durchgangslager überfüllt. Auch das einstige Reichsarbeitsdienstlager Pfreimd war bereits überbelegt, sollte aber noch mehr Menschen aufnehmen.

"Freiheit gewonnen"


Atze Schmidt, der damals beim Neuen Tag sein Redaktionsvolontariat absolvierte, machte sich mit dem Wernberg-Köblitzer Fotoreporter Gustl Kornexl auf den Weg. "Hab und Gut verloren, aber die Freiheit gewonnen" stand am nächsten Tag über der Sonderseite. Der ganze Bericht kam ohne die zur Adenauerzeit verpönte Bezeichnung "Deutsche Demokratische Republik" und das Kürzel DDR aus, erinnert sich Schmidt. Die bundesdeutsche Presse hielt sich mit ganz wenigen Ausnahmen an die Formulierungen "Mitteldeutschland" oder SBZ (für Sowjetisch Besetzte Zone). Der aus Weiden stammende Atze Schmidt hat in seinem Privatarchiv gestöbert, erzählt von der damaligen Massenflucht aus der DDR und davon, was ihm die in Pfreimd untergekommenen Menschen berichteten. In den Tagen vor dem 13. August 1961, dem Bau der Berliner Mauer, waren es täglich mehrere Hundert, die unter Anwendung vielerlei Tricks nach Westberlin kamen. Das Aufnahmelager Marienfelde war ihre erste Anlaufstelle, und obwohl die meisten von ihnen den Weg dorthin nicht kannten, "brauchten wir doch niemand danach zu fragen", wie ihm ein Ehepaar im Lager Pfreimd sagte. "Ganz Westberlin war ja voller Flüchtlinge, die man gleich erkannte. Alle waren sie getürmt, und man brauchte ihnen nur zu folgen und kam sicher nach Marienfelde."

In dem zwölf Baracken umfassenden Flüchtlingslager Pfreimd waren, bevor die Flucht aus der DDR lawinenartig anschwoll, 150 Spätaussiedler vorwiegend aus dem ehemaligen Oberschlesien untergebracht. Sie mussten auf die umliegenden Dörfer verteilt werden, um Platz zu machen für bis zu 250 "Zonenflüchtlinge". "In unserem Betrieb gab es viele Spitzel", berichtete ein Maurer aus Usedom, "und wir spürten, dass etwas kommen musste. Es lag was in der Luft, wie damals vor dem 17. Juni 1953, dem gewaltsam niedergeschlagener Aufstand. Als dann der Spitzbart (Ulbricht) nicht mehr aufhörte, davon zu reden, dass keine Mauer gebaut würde, wurden wir hellhörig. Uns wurde der Boden zu heiß." In Berlin über die Sektorengrenze zu kommen war in jenen Tagen noch nicht so schwer. Allerdings musste man schlaue Antworten parat haben.

"Es war ein schöner Herbsttag, als Gustl und ich das Lager besuchten", erzählt Atze Schmidt. "Ein friedliches Bild bot sich uns. Frauen waren beim Wäschewaschen, einige putzten Pilze, die sie im Wald gleich hinter dem Lager gesammelt hatten. Jeden Abend wurde die Ausbeute von einem Händler aufgekauft, ein willkommener Verdienst. Die meisten Männer hatten bereits Arbeit gefunden. Viele waren beim Kasernenbau in Nabburg beschäftigt. Sie wurden täglich mit einem Bus abgeholt und wieder zurückgebracht."

Langer Schulweg


Doch das beengte Leben in den Baracken und die Ungewissheit, wann es mit einer eigenen Wohnung klappen würde, war für die Flüchtlinge schwer zu ertragen. Und sobald die Einschulung geregelt war, wartete auf die fast 50 schulpflichtigen Kinder täglich ein eineinhalbstündiger Weg vom Lager zur Schule und zurück - zu Fuß. "Trotz allem sind wir glücklich, jetzt in Freiheit zu sein!", das war der Satz, den wir bei den Gesprächen immer wieder hörten.

Zur PersonAtze Schmidt (78) hat nach seinem Redaktionsvolontariat 1960/61 beim Neuen Tag für mehrere Tageszeitungen gearbeitet, auch "Der Nordschleswiger" in Dänemark war eine seiner Stationen. Es folgte ein 17-jähriger Aufenthalt in China, wo Schmidt Lektor im Pekinger Verlag für fremdsprachige Literatur war. Atze Schmidt lebt heute mit seiner Frau in einem Dorf im Emsland.
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