Irina lebt ihren Traum

Eine Beziehung, die seit 25 Jahren hält: 1991 kam Irina Khrebtova (Mitte) als Zehnjährige zur Gastfamilie Benz. Nun gab es ein Wiedersehen. Mit im Bild Gastmutter Dr. Friederike Dunkel-Benz (Vierte von links), die Söhne Benedikt und Korbinian sowie Irinas Lebensgefährte Marc (links).
Vermischtes
Pfreimd
30.06.2016
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Irina Khrebtova ist 35 Jahre alt, erlebte als Kind 1986 die Reaktorkatastrophe und wurde 1991 von der Hilfsorganisation "Aktion Tschernobyl" zur Erholung nach Pfreimd eingeladen. Zwei Wochen, die Irinas Leben veränderten.

Dr. Friederike Dunkel-Benz hat Erdbeerkuchen gebacken. Eine Woche ist Irina Khrebtova bei der Pfreimder Familie zu Gast, wo vor 25 Jahren alles begann. Im Jahr der Reaktorkatastrophe war die Ärztin mit ihrem Sohn Korbinian schwanger. Ich hatte wie alle Schwangeren damals große Sorge, doch es ging alles gut", erinnert sie sich. Als Dr. Josef Ziegler, Kopf der "Aktion Tschernobyl", für Kinder aus der Ukraine Gastfamilien suchte, war Familie Benz dabei. Irina aus Ternopil verbrachte unbeschwerte Tage im Haus der Familie. Heute sieht sie sich die Fotoalben von damals an. "Ich sah hier, dass es auch ein anderes Leben, als das in der Ukraine gibt", erzählt die junge Frau.

IT und Englisch


Sie hat sich dieses andere Leben hart erarbeitet. Schon in der Schule belegte sie Englisch-Intensivkurse. Das Studium orientierte sich an IT, bei Siemens Amberg konnte sie ein Praktikum machen. Die junge Frau baute ihren Master und Bachelor in IT Science und paukte weiter Englisch. Mit nur einem Ziel: das Land der Mangelversorgung und der Korruption verlassen. "Ich wollte auswandern." Die Eltern legten ihr keine Steine in den Weg. Sollten sie ihr ein besseres Leben verbauen? Eine harte Zeit begann. Bis alle Anforderungen erfüllt, alle Bescheinigungen ausgestellt und alle Tests gemacht waren, vergingen "inklusive der Rückschläge" zwei Jahre. Irina musste den Australiern praktische Erfahrung vorweisen, arbeitete nach dem Studium in der Automobilbranche. Daneben bildete sich übers Internet ein großer Kreis an Freunden und Beratern. Einer war von der Entschlossenheit der jungen Ukrainerin so beeindruckt, dass er ihr, einer Wildfremden, spontan 2000 Dollar lieh. Ohne dieses Geld hätte sie das Procedere der Auswanderung nie bezahlen können.

Drei Stunden zur Arbeit


2006 ging der Flieger nach Australien. Übers Netz kannte sie ein Paar in Melbourne. Hier konnte sie in den ersten Wochen schlafen. Nur mit ein paar Dollar in der Tasche ging sie auf Arbeitssuche und fand nach zwei Wochen gleich einen Job in Melbourne: Völlig unterbezahlt, "aber es war ein Job". Für ihn fuhr sie morgens drei Stunden zur Arbeit und nach acht Stunden Job wieder drei Stunden zurück: mit dem Zug, per Anhalter. Am Wochenende liefen wieder Sprachkurse. Überstunden, knifflige Aufgaben: "Ich hab jede Gelegenheit genutzt." Vier Mal hat sie inzwischen das Unternehmen gewechselt, sich verbessert. Derzeit arbeitet sie für Globalhouse. 55 000 Dollar Jahresgehalt: ein gutes Leben. "Das Mädchen ist einfach taff", meint ihre Pfreimder "Ersatzmutter". "Die Sprache und der Wille, das öffnet Türen."

Lebensgefährte Marc begleitete Irina auf ihrer Reise in die Vergangenheit. 27 Stunden waren die beiden unterwegs, bis sie in der Ukraine Irinas Eltern sahen: Nach Jahren der Internet-Beziehung schlossen sie sich wieder in die Arme. Nächste Station Pfreimd. Irinas Gedanken gingen 25 Jahre zurück: "Für mich war das ein Trigger, dass das Leben noch etwas anders bietet." Der Kontakt zur Familie Benz blieb all die Jahre bestehen. "Ich habe zwei Söhne, Irina ist für mich wie eine Tochter", erzählt Dr. Friederike Dunkel-Benz, die Irina auch schon in Australien besuchte. Irina hat übrigens auch ihren Sponsor von damals getroffen, dem sie das Geld schon lange zurückbezahlt hat. Er lebt jetzt in Sydney. Wie das Leben so spielt.

Ich wollte ein anderes Leben.Irina Khrebtova
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