Leserbrief zu "Wenn sich der Hass entlädt"
Sprachliche Verrohung besitzt viele Gesichter

Vermischtes
Pfreimd
18.10.2016
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Wenn eine Tierschützerin einem Bundestagsabgeordneten mailt, sie finde seine Meinung widerlich, dann ist das kein Hass. Wenn ein Passagier im Warteraum eines Flughafens angesichts von drei von Kopf bis Fuß in schwarzes Tuch gehüllten Frauen seinem Nachbarn gegenüber von "wandelnden Gespenstern" spricht, dann ist das auch kein Hass.

Diese Personen wegen ihrer Meinung als "Menschenfeind" zu titulieren, ist für mich genauso abwegig. Was ich jedoch bedaure, ist die Verrohung der Sprache - und das nicht nur im Internet oder in Schulen, sondern auch in den Printmedien und - leider am häufigsten - im Fernsehen. Während vor 40 Jahren wöchentlich zwei bis drei Krimis zur Unterhaltung genügten, wird heute oft schon an einem Abend diese Zahl überschritten - und keiner, wo nicht geschrieen, geschlagen, geschossen und gemordet wird. Einerseits werden Vokabeln wie "Neger", "Eskimo", "Indianer", die ich in meiner Jugend ohne Negativ-Denke benutzte, als diskriminierend empfunden, andererseits wird die Fäkaliensprache salonfähig. "Scheiße", "Arsch" oder "Drecksau" sind in Krimis und bei manchen Comedians an der Tagesordnung.

Wer glaubt, dass sich die Gesellschaft angesichts dieser allabendlichen sprachlichen, und von Gewalt überbordenden Berieselung anschließend bei politischen Auseinandersetzungen einer gepflegten Sprache bedient, der lebt im Wolken-Kuckucks-Heim. Zur Verrohung gehört für mich auch der "Stinkefinger". Wenn ein potenzieller Bundeskanzler das Zeigen desselben nicht nur nicht bedauert, dann lässt das Rückschlüsse auf die berühmte "Kinderstube" zu. Ein solches Verhalten kann ich mir weder bei Merkel noch bei Gauck vorstellen, die sich beide in einer ähnlichen Situation befanden.

"Hass" ist das Gegenteil von Liebe und sagt sich offenbar genauso leichtfertig dahin, wie - weil häufig mit Absicht gepaart - "ich liebe Dich".

Dietrich Scholz, 92536 Pfreimd
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