Realschullehrerin organisiert Hilfe für Flüchtlinge in Pfreimd
Tatkräftige Integration

Asylbewerber sollen Deutsch lernen. Die Aktion "Pfreimd hilft" unterstützt dabei, auch wenn das nicht im Umfang wie bei einem Integrationskurs "Deutsch als Fremdsprache" geschieht, wie hier in Leipzig. Archivbild: dpa
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Pfreimd
19.10.2015
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Die Realschullehrerin Angi Hirmer ist Mitinitiatorin von "Pfreimd hilft". Inzwischen hat auch Tochter Klara das Licht der "einen Welt" erblickt. Bild: privat

Was möglich ist, wenn die Bürger zusammenhelfen, macht Pfreimd vor: In dem Städtchen mit gut 5000 Einwohnern greifen den Flüchtlingen bis zu 60 Helfer unter die Arme - äußerst effektiv organisiert von der Realschullehrerin Angi Hirmer.

Sie hat gerade erst eine Tochter zur Welt gebracht. Angi Hirmer empfängt deshalb lieber zu Hause. Aber kein Grund, die Flüchtlingsarbeit einzustellen. Schließlich ziehen viele Tausend Schwangere und Mütter mit kleinen Kindern durch die Krisengebiete dieser Welt und klopfen an Europas Pforten. Wie lange die sich noch öffnen, ist ungewiss. Solange es Menschen wie die Pfreimder Lehrerin gibt, werden jene Hilfe finden, die es bis in die Oberpfalz schaffen.

"Pfreimd hilft" ist eine Idee, die in der evangelischen Kirchengemeinde Nabburg und Pfreimd geboren wurde - mit Unterstützung von Pfarrerin Irene Friedrich. "Wir haben bald gesehen, dass wir bei uns eine eigene Initiative brauchen", erklärt Hirmer die Abspaltung. "Rund 100 Flüchtlinge, davon 60 in der Gruppenunterkunft, kann man nicht von Nabburg aus betreuen."

Die Stadt hilft mit

Die Zugkraft der Hilfsorganisation ist auch ein Verdienst von Bürgermeister Richard Tischler (FWG) und seiner Stadtverwaltung, die die Initiative nach Kräften unterstützen. "Dass sich die Stadt engagiert, ist Gold wert", freut sich die IT- und Religionslehrerin der Naabtalrealschule. Die ehrenamtlichen Helfer dürfen Kopien im Rathaus erstellen und kostenlos Räume nutzen, die Arbeiterwohlfahrt erledigt die Buchhaltung. "Inzwischen sind auch viele Vereine beim Arbeitskreis Asyl dabei." Einige Afrikaner spielen bei den Alten Herren der SpVgg - sportliche Verstärkungen bauen Hemmschwellen ab.

Natürlich bleiben auch Konflikte nicht aus - wo viele unterschiedliche Menschen zusammenleben, menschelt es eben. Auf der Facebookseite beschwert sich eine Frau über freche Kinder und Kratzer im Autolack. Die Administratoren bleiben sachlich und bieten Abhilfe an. "Bisher gibt es kaum Anfeindungen", sagt Hirmer, "mal ein Anrufer, mit dem ich mich auseinandersetze - aber auch skeptische Leute bringen uns etwas in die Kleiderkammer."

Ein gutes Stichwort: "Pfreimd hilft" entwickelt sich zu einem arbeitsteiligen Betrieb mit vielen Abteilungen. "Wir legen großen Wert auf Spezialisten, damit nicht alle alles machen", erklärt die junge Mutter ihr Konzept.

Die Kleiderkammer in der alten Schulturnhalle (Donnerstag, 14-16 Uhr) ist wie ein Geschäft, in dem die Hilfsbedürftigen - nicht nur Flüchtlinge, sondern auch arme Deutsche - bedient werden und die Kleidung in einer Umkleidekabine anprobieren können. "Wir suchen immer dringend nach großen schlanken Herrengrößen für unsere vielen Jungs", sagt die Leiterin Monika Strehl.

Die Sachspendenkammer (Mittwoch, 10-11 Uhr) in einer Sozialwohnung der Stadt sammelt alles, was nicht Kleidung ist - Elektrogeräte und Hausrat aller Art. "Damit können wir unsere Syrer mit einer Erstausstattung unterstützen, sobald sie in ihre erste Wohnung umziehen.

Je zwei Zweierteams versuchen, alle Kinder innerhalb der ersten drei Werktage in Kindergarten und Schule anzumelden. "Wir hatten bisher eine Übergangsklasse und hoffen, dass sie bestehen bleibt", sagt Hirmer. "Zuletzt hatten wir elf Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen - die einen seit drei Wochen, die anderen seit Januar." Mehr als Sing- und Bewegungsspiele seien da als kleinster gemeinsamer Nenner nicht zu machen. 19 Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren, die noch berufsschulpflichtig wären, bekamen keinen Platz. "Die Berufsschule hat Wartelisten, die so lang sind, wie die bereits existierenden Klassen."

Rund 15 Sprachpaten unterhalten sich einmal die Woche für eine Stunde mit kleinen Gruppen von fünf bis sechs Asylbewerbern. "Das ist kein professioneller Sprachunterricht, man plaudert alltagstauglich, versucht Land und Kultur zu vermitteln, weil das oft sehr wissbegierige Leute sind", erklärt die Lehrerin. Als Basissprache dient Englisch. "Das kann jeder machen, auch ohne Ausbildung."

Etwa zehn Hausbetreuer kommen nach Bedarf zu Besuch, helfen bei Briefen, erklären das Behördendeutsch, vereinbaren Impftermine für Kinder, begleiten Flüchtlinge zum Arzt oder zeigen ihnen die richtigen Bushaltestellen. "Da könnten wir noch mehr Leute brauchen", lädt Hirmer Interessierte ein, "eine sehr dankbare Aufgabe, weil man den Familien näher kommt."

"Mein Mann Georg ist für die Krankenkasse und Kontoeröffnung zuständig", sagt sie lachend, weil der Studienrat mit Wirtschaftskenntnissen auch vereinnahmt wurde.

Das Team Arbeit hilft bei der Arbeitssuche: "Toll finde ich, dass uns ein Mitarbeiter des Sozialamts darauf hingewiesen hat, dass wir noch aktiver werden können", lobt Hirmer. Kinder, Mütter und Senioren abgezogen könnten etwa 60 der Flüchtlinge arbeiten - was sie auch ungeachtet von Lohn und Art der Beschäftigung gerne würden, um sich nützlich zu machen. "Wir haben im Seniorenstift Johannes drei Leute in der Küche, beim Putzen und Bügeln in der Wäscherei untergebracht." Bis zu 76 Stunden im Monat dürften sie arbeiten und dabei maximal 80 Euro verdienen. "Wichtig ist, dass dadurch kein Arbeitsplatz reduziert werden darf." Infrage kommen soziale und städtische Einrichtungen, wie der Bauhof sowie Kindergärten und Vereine. "Stefanie Buchheit aus Nabburg, die im Jobcenter Amberg tätig ist, erklärt die Reglements für Vollzeitausbildungen in Richtung Pflege oder Lagerist - also Berufe, in denen Leute gesucht werden."

Hilfe bei Amtsdeutsch

Es sind praktische Lebenshilfen, die am meisten bringen - wie das Projekt "Schwimmen für Asylbewerber" oder Aufklärung übers Amtsdeutsch: "Melden Sie sich in den nächsten Tagen in der Behörde", heißt es oft. Und die Flüchtlinge wollen wissen, wann das denn genau sei. "Nie steht da, warum", bedauert Hirmer, die weiß, dass so ein amtliches Schreiben große Ängste und Hoffnungen weckt. "Mein Lieblingssatz ist dann: In Deutschland musst du pünktlich sein, aber geduldig mit den Behörden - die haben Tausende Anträge zu bearbeiten."
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