Die Bratschistin Peijun Xu hypnotisiert bei den Max-Reger-Tagen ihre Zuhörer
"Lass' den Dorn und pflücke die Rose"

Hoch konzentriert überzeugte Peijun Xu mit sinnlichem Ton, stupender Technik und einem hoch virtuosen Ansatz bei ihrem Konzertabend bei den Max-Reger-Tagen. Bild: Göttinger
Kultur
Pirk
29.09.2014
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Als Max Reger 1915 seine drei Suiten für "Bratsche allein" komponierte, war er gerade zu neuen Ufern aufgebrochen. Kurz zuvor hatte er sich eine Villa in Jena gekauft und Meiningen verlassen. Er schwebte auf einer Woge des Glücks. "Jetzt beginnt der freie, jenaische Stil bei Reger", frohlockte er. Und die Bratschen-Suiten gerieten mit zu seinen reifsten Werken.

Die junge chinesische Bratschistin Peijun Xu hat zwei von ihnen, die zweite in D-Dur nämlich und die dritte, dem Geiger Joseph Hösl gewidmete in e-moll, am Freitag beim Gastspiel der Reger-Tage im Pirker Brauhaus zum großen musikalischen Erlebnis gemacht. Herrlich etwa ihr Jonglieren mit den unterschiedlichen Klangfarben in der D-Dur-Suite. Wunderbar durchdacht auch, wie sie sich auf das Heitere, manchmal gar Volkstonhafte dieser Musik einließ, es durchaus süffig zelebrierte, dabei aber dem Nervös-Brüchigen, das der Suite eben auch eingeschrieben ist, genauso Geltung verschaffte.

"Fiebrige Moderne"

Von einem eher "fröhlichen" Stück sprach Xu am Freitag. Recht hat sie. Aber es ist eben eines, das zu einer mitunter fiebrigen musikalischen Moderne gehört. Dies wurde auch bei der von ihr als "traurig" beschriebenen e-moll-Suite überdeutlich. Allen Versuchungen, sich auf das vermeintlich Barocke der Suite - man denke etwa an den zweiten Satz, das Vivace - einzulassen, widerstand sie jedenfalls tapfer.

Natürlich war Reger ein Bach-Epigone. Prof. Wolfgang Rathert bezeichnete seine Begeisterung für Bach zu Beginn der diesjährigen Reger-Tage gar als "beinahe pathologisch". In den drei Suiten jedoch scheint ihn das Rückwärtsgewandte weniger zu interessieren. Sie weisen eher weit nach vorne. Und noch etwas fasziniert an diesen Stücken. Bei vielen von Regers Werken möchte man ihm ja noch posthum zurufen: "Mann, Max, komm' endlich auf den Punkt und laber' hier nicht rum!" Bei den Bratschen-Stücken zwang ihn hingegen schon die komprimierte Form verdammt zielstrebig vorzugehen. Nicht auszudenken also, was man von Reger womöglich noch hätte erwarten dürfen, wäre er nicht im Mai 1916 plötzlich gestorben.

Sinnlicher Ton

Folgerichtig kombinierte Peijun Xu die Suiten an diesem Abend mit der "Solo-Sonate für Viola op. 25/1" des großen Reger-Verehrers Paul Hindemith. Auch hier überzeugte sie mit sinnlichem Ton, stupender Technik und einem hochvirtuosen Ansatz, der freilich nie Selbstzweck war. Dass sie es darüber hinaus noch schaffte, in den berühmten dritten Satz, den Hindemith nicht umsonst mit "Rasendes Zeitmaß, wild, Tonschönheit ist Nebensache" überschrieb, auch noch eine gewisse Eleganz zu legen, spricht erst recht für sie

Was aber vor allem bei diesem Auftritt für die junge Frau einnahm, war die geradezu hypnotische Kraft, mit der sie die Zuhörer in ihren Bann und mitten hinein in die Musik zog. Ein Sog entstand da, dem man sich kaum widersetzen konnte, auch wenn in der Bratschenfassung der "Violinsonate op. 27/4" von Eugène Ysaye die Grenzen des Instruments deutlich wurden.

Zum Schluss dann, als eine von zwei Zugaben, eine Bearbeitung der Händel-Arie "Lascia la spina". Mit "Lass' den Dorn und pflücke die Rose" werden deren erste Zeilen gerne übersetzt. Und mal ehrlich: Gibt es eine schönere Umschreibung für die Musik des späten Reger?
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