Körner, die die Welt bedeuten

Mal sortiert er nach Farbe, mal nach Kontinenten: Das Sandregal von Dr. Frank Holzförster bildet die Welt in Millionen Körnchen ab. Der Wissenschaftler hat sie selbst entdeckt oder sie sich von Freunden und Studenten aus allen Teilen der Erde mitbringen lassen. Bild: Götz
Lokales
Pirk
25.08.2015
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Uhren, Münzen, Briefmarken: Die Sammlerwelt ist so bunt wie ein Chamäleon auf einem Fleckenteppich. Einen besonderen Tupfer bringt Dr. Frank Holzförster in diesen Kosmos. Der Leiter des Geo-Zentrums an der KTB in Windischeschenbach sammelt in seiner Freizeit Sand.

Wer es nicht weiß, könnte den Geologen für einen Hobbykoch halten, wie er so zu Hause in Pirk vor einem Regal mit Reagenzgläsern steht. Darin schimmert es farblich wie in einem Gewürzladen - nach Curry, Pfeffer, Salz und Paprika jeder Sorte.

Weit gefehlt. Die Röhrchen enthalten Sande aus aller Herren Länder und Kontinente. 87 Proben hat Holzförster in Jahrzehnten zusammengetragen. Da er beruflich mit der Zusammensetzung der Erde zu tun hat, erscheint diese Leidenschaft gar nicht so schräg. "Am Sand kann ich sehr genau dem geologischen Aktualitätsprinzip folgen." Vereinfacht: "Am Material lässt sich erkennen wie etwas heute funktioniert, also auch, wie es früher funktioniert haben könnte."

Vielsagende Körnchen

Mit Hilfe des Sandes lassen sich Fließgeschwindigkeiten von Flüssen oder Meeresströmungen berechnen. Oder feststellen, wo es sich lohnt, nach Diamanten zu schürfen. Oder wo sich das Klima im Laufe der Jahrhunderte merklich verändert hat. Oder wo Farbe und chemische Zusammensetzung auf Öl und Gas unter der Oberfläche hinweisen. Schon als Student hat Holzförster auf Exkursionen die ersten Sande gehortet. Ein festes Prinzip hat er bei seinem Hobby nicht. "Ein Sand muss mich aus ästhetischen und wissenschaftlichen Gründen interessieren." So wie Körnchen aus Hawaii: Das erste Röhrchen ist fast grün, das zweite nahezu weiß, doch beide stammen vom selben Strandabschnitt. Die Lösung: Der weiße Sand kommt vom Ufer, der grüne reicht bis an ein Korallenriff ran. Für die intensive grüne Farbe ist das Mineral Olivin verantwortlich, das den Sand schwerer macht.

Noch was Kurioses: Die Probe aus dem indischen Kerala ist fast schwarz. Das kommt von Titanmineralien. "Die sind übrigens auch in der weißen Farbe enthalten, mit denen Sie Ihre Hauswand streichen." Aha.

Arktis trifft Afrika

Die Körnchen nach Hause zu bringen, ist bisweilen gar nicht so einfach, erklärt ihr Besitzer. Bei einem Projekt in Ruanda interessierten sich die Wissenschaftler für Proben, bei deren Untersuchung keine Strahlen stören sollten. "Der Sand war deshalb für den Rückflug verpackt wie eine Rohrbombe. Da müssen Sie den Transport schon vor dem Hinflug mit den Behörden und der Fluggesellschaft abklären." Gut, wenn man sich in so einem Fall als Geologe ausweisen kann. Denn einem Touristen würde der ruandische oder angolanische Zoll nicht so leicht glauben, dass der Sand keine Tarnung für Schmuggeldiamanten ist.

In Holzförsters Regal steht tiefroter Granatsand aus Namibia neben vom Ozean zermalmten Muschelsplittern vom Kap der guten Hoffnung und Körnern aus Amrum, deren dunkle Farbe Schieferpartikel verraten. Nur die Antarktis fehlt noch. Die gehörte geologisch mal zu Südafrika, wo Holzförster schon geforscht hat. "Dort entstand als Verwitterungsprodukt ein neues Gestein, das mich interessiert." Als Urlaubsziel kommen die Eiswelten ganz unten auf der Südhalbkugel deswegen nicht in Frage. "Ich bin kein fundamentalistischer Sammler."

Sonst hätte es der Chef des Geo-Zentrums wohl auch nicht zu einer Familie gebracht, kommentiert er sein ungewöhnliches Faible selbstironisch. "Keine Frau kommt doch mehr mit zu Ihnen, wenn Sie ihr von Ihrer Briefmarkensammlung vorschwärmen. Stellen Sie sich erstmal vor, Sie erzählen ihr, dass Sie Sand sammeln."
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