Aus unserer Serie „Geschichten zum Vorlesen“
Die kleine Hexe

Die kleine Hexe Inna, Lerche Calla und Hirsch Benno erbaten die Hilfe vom schlauen Dachs. (Foto: Andreas Reitinger)
Freizeit
Pleystein
11.05.2016
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  (Corinna Wallner)

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte eine kleine Hexe. Diese Hexe hieß Inna und wohnte in einem ausgehöhlten Baum, inmitten eines großen, geheimnisvollen Waldes. Inna verstand sich gut mit den Tieren, hegte und pflegte sie, und bis auf ein paar alberne Späße behandelte sie alle gut. Da sie die Sprache der Tiere und des Waldes beherrschte, war sie umgeben von Freunden.

Im Wald lebte ein schlauer Dachs. Alle Tiere beneideten ihn um seine Weisheit. Bei großen Sorgen wurde immer der Dachs um Hilfe gebeten und er löste jedes noch so große Problem. Da der Dachs aber gerne alleine war und dazu noch seinen Bau in einem Teil des Waldes hatte, der nur von Sümpfen, stacheligen Büschen und giftigen Pflanzen umgeben war, war es äußerst schwierig, ihn aufzusuchen.

Es hieß sogar, dass es nur die mit den ganz großen Sorgen schafften, zum Dachs vorzudringen; denn die Tiere mit kleinen Sorgen oder mit Nichtigkeiten, die versucht hatten, den Dachs zu erreichen, seien alle von den Sümpfen verschluckt worden.

Eines Morgens, als die kleine Hexe gerade aus ihrem Bett gekrabbelt war, hörte sie das aufgeregte Zwitschern ihrer Freundin Calla, der Lerche, vor ihrer Haustür: „Schnell kleine Hexe, schnell! Komm, du musst uns helfen! Am anderen Ende des Waldes hat sich ein fremder Hirsch mit dem Geweih so im Gestrüpp verhakt, dass er ohne unsere Hilfe nicht mehr herauskommt!“

Da fragte Inna: „Aber wieso habt ihr ihm denn nicht geholfen?“ Calla antwortete: „Er war so aufgeregt und wild, dass sich keiner von uns zu ihm getraut hat, nicht mal Willi der Bär!“ Als die kleine Hexe das hörte, kletterte sie auf einen Ast, schwang sich auf ihren Besen und flog mit Calla zu der Stelle, an der sich der Hirsch immer noch abmühte, sich zu befreien. Doch so sehr er es auch versuchte, er schaffte es nicht. So stand er da, wild um sich schlagend, schweißnass, und Wut war in seinen Augen deutlich zu erkennen.

Vorsichtig näherte sich Inna dem wunderschönen Hirsch. „Beruhige dich, wir wollen dir nur helfen, wir wollen dir nichts Böses. Wie heißt du und wo kommst du her? Dich habe ich hier noch nie gesehen“, sagte Inna.

„Ich bin Benno, los, befreit mich, ich muss meine Frau Lilli wieder finden. Wir wurden von bösen Menschen gejagt, dabei haben wir uns verloren, so dass wir jetzt anscheinend in eueren Wald gekommen sind. Los, macht mich frei, ich muss sie finden! Hoffentlich komme ich nicht zu spät“, sprach der Hirsch aufgeregt.
Die kleine Hexe entgegnete: „Gut, wir befreien dich, wenn du uns versprichst, uns nichts zu tun und meinen Rat befolgst.“ Benno murrte: „Im Moment ist mir alles recht, helft mir nur!“

Und so kam es, dass Calla und Inna den prächtigen Hirsch wieder zu seiner Freiheit verhalfen. Daraufhin sagte der Hirsch: „Was ist das jetzt für ein Rat, den du mir geben willst, kleine Hexe?“

„Komm mit mir zu meinem Haus und ich will versuchen, deine Frau zurück zu zaubern“, erwiderte die kleine Hexe. Nach einigem Sträuben ging Benno mit Calla und Inna zu Innas Häuschen. Die kleine Hexe gab sich alle Mühe, hexte und zauberte soviel sie nur konnte, doch der Hirsch wurde zunehmend schwächer. Gegen Mitternacht zwitscherte Calla vorwurfsvoll: „Also, Inna, so geht das jetzt nicht weiter, Benno wird immer schwächer.“ Da dachte Inna nach und sprach: „Ich weiß, aber was soll ich nur tun? Keiner meiner Zauber will glücken. Ich bin schon ganz verzweifelt. Wenn das so weitergeht, stirbt uns der Hirsch aus Sehnsucht nach seiner geliebten Frau Lilli noch vor meinem Haus. Ich mache mir so große Sorgen, dass ich ihn überredet habe, meinem Rat zu folgen.“

„Große Sorge, ja das ist es“, trällerte Calla, „wir müssen zum Dachs“. Die kleine Hexe bekam sichtlich Angst und stammelte: „Aber mitten in der Nacht ist der Weg noch gefährlicher, und was ist, wenn unsere Sorge nicht groß genug ist und uns die Sümpfe verschlucken?“ Da wisperte Calla: „Du siehst hoffentlich, wir haben keine andere Wahl.“

So geschah es, dass sich die drei Freunde auf den Weg zum Dachs machten. Sie wurden von Dornen zerkratzt, giftige Stauden versperrten ihnen den Weg und die Sümpfe lauerten totenstill. Doch ihre Sorge war groß genug und sie kamen unbeschadet an die Hütte des Dachses. Calla weckte den Dachs mit einem fröhlichen Lied. Aus der Hütte kam ein Schnauben: „Was wollt ihr hier und jetzt?“
Die drei Freunde schrien: „Wir brauchen dich, lieber weiser Dachs. Wir haben eine große Sorge, bitte hilf uns.“ So ging der Dachs nach draußen und ließ sich von den dreien die Geschichte des Hirsches Benno erzählen. Nach einigem Grübeln sagte der Dachs: „Ja, ich weiß davon. Die Eule hat es mir, kurz bevor Ihr gekommen seid, erzählt. Sie hat auch ein fremdes Reh gesehen, es war hinter dem Hügel, in der Nähe der Lichtung. Flieg, Calla, wenn wir ganz viel Glück haben, erreichst du sie noch. Bring sie her!“

Sofort verschwand Calla in der Luft. Sie musste suchen und suchen und suchen, aber endlich fand sie das fremde Reh. Sie setzte sich vor dem Reh auf die Erde und fragte es, ob es Bennos Frau Lilli sei. Das Reh bejahte und lief eilig hinter Calla her, die sie zu Benno, Inna und dem Dachs führte.

Als sich Lilli und Benno wieder begegneten, freuten sie sich sehr und waren überglücklich. Sie bedankten sich beim Dachs, bei Calla und Inna und sagten: „Vielen Dank, ohne euch hätten wir uns nie wieder gefunden und währen vielleicht an Einsamkeit gestorben. Wir werden jetzt wieder in unseren Wald gehen, weil die Jäger bestimmt schon weg sind. Vielen Dank noch mal.“ Dann gingen Lilli und Benno glücklich nebeneinander und Calla begleitete sie ein Stück.

Da sah die kleine Hexe das Glück der beiden und ihr Herz wurde schwer. Das bemerkte der Dachs sofort und sagte: „Kleine Hexe, du hast ein großes Herz und du hast Mut bewiesen, als ihr euch auf den Weg zu mir gemacht habt. Ganz sicher wirst auch du dein Glück finden.“

Da lächelte die kleine Hexe, denn sie wusste, dass der Dachs immer Recht hatte. Sie ging nach Hause, ihren Besen in der Hand, und legte sich zufrieden schlafen. Und wer weiß? Vielleicht hat sie ihr Glück ja jetzt schon gefunden?

Corinna Wallner aus Lohma (Stadt Pleystein) schreibt Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene. Beim Buch- & Kunstverlag Oberpfalz hat sie bereits zwei Bücher veröffentlicht – „Bärs große Reise und andere Tiergeschichten“ sowie „Der listige Zwerg und andere Märchen“.
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