Aus unserer Serie „Geschichten zum Vorlesen“
Die kleine Raupe

Als aus der kleinen Raupe ein wunderschöner Schmetterling wurde, wollten die anderen Tiere plötzlich alle mit ihr zusammen sein. (Foto: Zeichnung: Andreas Reitinger)
Freizeit
Pleystein
09.11.2016
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(Von Corinna Wallner)

Eine kleine Raupe war sehr einsam. Sie hatte von den vielen Tieren, mit denen sie im Wald lebte, nur einen einzigen Freund. Alle anderen Tiere lachten sie aus und verspotteten sie, weil sie nicht so schön aussah.

Der Buntspecht machte sich über die braungraue Farbe der Raupe lustig. Die Natur hatte ihm wunderbar farbige Federn gegeben und er war darauf so stolz, dass er seine Schönheit ständig herausstellen musste. Neben so einer unscheinbaren kleinen Raupe wirkte er natürlich besonders prächtig und darum machte er, so oft er in der Nähe der Raupe war, alle Tiere auf deren einfache Farbe aufmerksam, nur damit er daneben von allen bewundert wurde.

Auch die Eule verspottete die kleine Raupe. Die Eule konnte in der Nacht sehr gut sehen. Als sie die Raupe einmal beobachtete, bemerkte sie, dass diese nur sehr kleine Augen hatte und lachte sie dafür vor allen aus, so dass es alle Tiere hören konnten. Der Fuchs machte sich über die Langsamkeit der Raupe lustig. Nur weil er besonders schnell und flink war und die Raupe einfach ein wenig gemächlich, verurteilte er diese in seinen Augen schlechte Eigenschaft und teilte sie allen Tieren mit.

Für die Bienen war die Raupe nur ein faules, fettes Tier, das den ganzen Tag nur mit sich selbst und dem Fressen beschäftigt ist. Insgeheim waren die Bienen der Raupe um ihre Freizeit und ihren Alltag neidisch, doch dies zuzugeben wäre für die fleißigen Bienen schrecklich gewesen und so erzählten sie jedem, wie faul doch die Raupe sei.

Aber unsere kleine Raupe hatte auch einen Freund. Eine kleine, alte Ameise, die schon sehr lange im Wald lebte, tröstete sie immer wieder. Oft war die Raupe ganz, ganz traurig; dann sagte die Ameise zu ihr: „Schau, kleine Raupe, sei nicht traurig. Ich bin alt und hab schon so viel gesehen und eins weiß ich bestimmt: In unserem Wald hat ein jeder seinen Platz. Jedes Lebewesen kann etwas anderes, hat besondere Fähigkeiten. Leider hat der Stolz die anderen Tiere so geblendet, dass sie dich verletzt haben. Aber warte, deine Zeit wird kommen.“

Von diesen Worten wieder ein bisschen aufgemuntert, fraß die Raupe weiter und weiter. Sie wurde immer größer und dicker. Bald veränderte sie sich. Sie hängte sich an einen geschützten Ort, hüllte mehrere Schichten um sich und verpuppte sich. Nun wurde es still um sie.

Lange Zeit sah und hörte man nichts mehr von ihr. Eines Tages konnte man leise Geräusche aus der Puppe vernehmen. Es kratzte und klopfte, hämmerte und knirschte. Das hörten auch die Tiere und weil sie alle neugierig waren, versammelten sie sich um die Puppe herum. Gespannt lauschten sie den Geräuschen.

Und siehe da, es krabbelte etwas aus der Hülle heraus: Ein Geschöpf, keiner vermochte zu sagen, was es war. Da breitete es seine Flügel aus und vor ihnen war der wunderschönste, farbenprächtigste Schmetterling, den sie je gesehen hatten. Seine Flügel hatten die Farben des Regenbogens und leuchteten und schimmerten in der Sonne. Alle Tiere waren sehr erstaunt. Der Buntspecht fasste sich als erster wieder und sagte: „Komm, lass uns doch eine Runde miteinander fliegen!“

Und plötzlich wollten alle Tiere mit dem schönen Schmetterling zusammen sein. Die Eule rief: „Komm mit, ich zeig dir meine Jungen!“ Der Fuchs entgegnete: „Ach was, komm mit mir, dann kannst du meinen Bau sehen!“ Da warfen die Bienen ein: „Koste doch von unserem köstlichem Honig, wir laden dich ein.“

Nun war die kleine Raupe, die jetzt ein Schmetterling war, sehr verdutzt. Sie schaute alle Tiere an und sagte: „Erkennt ihr mich nicht wieder, ich bin die kleine Raupe, die ihr alle so verspottet habt. Jetzt wo ich ein Schmetterling bin, wollt ihr alle Zeit mit mir verbringen. Nein, ich weiß schon wo ich jetzt hinfliege, ich habe einen Freund, der mir die ganze Zeit zur Seite gestanden hat, mit ihm will ich heute den ganzen Tag verbringen.“

So geschah es. Die alte Ameise freute sich riesig über das Glück der Raupe und beide verbrachten einen lustigen, freudigen Tag miteinander. Währenddessen dachten alle Tiere über das Gesehene und Gehörte nach und erkannten, wie stolz und oberflächlich sie doch gewesen waren. Das tat ihnen sehr leid und am Abend entschuldigten sie sich bei der Raupe. Seitdem leben alle in Eintracht zusammen und alle neuen Raupen, die in den Wald kommen, werden gut aufgenommen und nett behandelt.

Info
Corinna Wallner aus Lohma (Stadt Pleystein) schreibt Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene. Beim Buch- & Kunstverlag Oberpfalz hat sie bereits zwei Bücher veröffentlicht – „Bärs große Reise und andere Tiergeschichten“ sowie „Der listige Zwerg und andere Märchen“.
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