Professor Harald G. Dill begeistert mit Vortrag "Luftkrieg von Aschaffenburg bis Zwiesel"
Kapitel deutscher Geschichte

Politik
Pleystein
29.10.2014
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Ungewöhnlich, aber spannend: Professor Harald G. Dill hielt einen Vortrag über den "Luftkrieg von Aschaffenburg bis Zwiesel". Anlass für seine Forschungen war der Absturz einer deutschen Me 109.

Dr. Harald G. Dill aus Mainz begeisterte im Kultursaal auf Einladung des Museumsarbeitskreises rund 50 Zuhörer mit einem exzellenten Vortrag zum Thema "Luftkrieg von Aschaffenburg bis Zwiesel". Der Wissenschaftler für Geologie und Mineralogie, in der Stadt seit Jahren gerngesehener Gast, verband sein Referat mit der Vorstellung seines gleichnamigen Buchs in drei Bänden mit über 1000 Seiten, vielen Tabellen und 1091 Fotos. Das literarische Werk sei unter Mitarbeit von Karlheinz Hetz aus Altenkunstadt entstanden. Anlass zu dessen heimatgeschichtlichen Untersuchungen sei der Absturz einer Me 109 im April 1945 nahe seines Geburtsorts gewesen.

Auch Dill, 1949 in Naila geboren, widmet sich hobbymäßig seit Jahren der Militär- und Luftfahrtgeschichte. "Unser Buch beschreibt und analysiert 100 Jahre Luftstreitkräfte in Nordbayern, beginnend mit der Anlage der ersten Flugplätze 1914. Im Mittelpunkt stehen Aktionen der Luftstreitkräfte auf deutscher und alliierter Seite." Der nördliche Teil Bayerns habe im Zweiten Weltkrieg Luftkriegsgeschichte geschrieben. Beim Versuch, die Kugellagerindustrie in Schweinfurt zu zerstören, sei eine der heftigsten Luftschlachten entbrannt, wobei die US-Air Force bei diesen Angriffen 1943 die schlimmsten Verluste ihrer Geschichte erlitten habe. Ein britischer Luftkriegshistoriker habe den Nachtangriff der englischen Royal Air Force (RAF) auf Nürnberg im März 1944 mit den Worten "Die Nacht, in der die Bomber starben" beschrieben. Ein Jahr später, am 16. März 1945, sei Würzburg im Bombenhagel der RAF-Nachtbomber untergegangen.

Flossenbürger KZ-Häftlinge

Dill schlug ein weiteres Kapitel Technikgeschichte in Bayern auf. Beim Unternehmen Messerschmitt habe man nicht nur den ersten Raketen-Objektschutzträger Me 163 "Komet" projektiert, sondern auch den ersten einsatzfähigen Jäger mit zwei Strahltriebwerken, die Me 262, die in zahlreichen Waldwerken in Nordbayern hergestellt wurde. Um im Verlauf des Kriegs die geforderten hohen Produktionsziffern der genannten Militärflugzeuge sicherstellen zu können und um die Einsatzbereitschaft der Luftwaffe zu gewährleisten, seien die Häftlinge im KZ Flossenbürg und seinen verschiedenen Außenlagern in der Oberpfalz, in Franken und den benachbarten östlichen Gebieten in immer stärkerem Maße zur Zwangsarbeit herangezogen worden.

Der Aufstieg und Untergang der Luftwaffe lasse sich exemplarisch an der Regionalgeschichte Nordbayerns nachvollziehen. Der Bogen spanne sich von der Organisation der Verbände auf den einzelnen Flugplätzen über die ersten Einsätze gegen Frankreich bis zur Selbstzerstörung der Luftwaffen-Einrichtungen und Flugzeuge durch die abziehenden Luftwaffenverbände. Bis 1942 sei diese Region noch weitab vom Schuss gewesen. Die Wende habe sich mit dem Erscheinen der 8. und 15. USA-Air Force auf dem Kriegsschauplatz abgezeichnet, die von England und von Italien aus diesen Teil des damaligen "Großdeutschen Reiches" in die Zange nahmen.

Der taktische Luftkrieg habe sich zwar nur über wenige Wochen von März bis Mai 1945 in Nordbayern abgespielt, er habe sich jedoch nicht weniger stark ins Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben. "Mehr als 1500 Flugzeugabstürze lassen sich für Nordbayern belegen. Über 26 000 Menschen verloren bei mehr als 800 Luftangriffen ihr Leben. Für den Raum Weiden lassen sich 55 Luftangriffe dokumentieren und 597 Luftkriegstote nachweisen", erklärte Dill.

Die Interpretation von Bildern, besonders von alliierten Luftaufnahmen, und die Auswertung von Archivmaterial würden den Kern dieser Studien bilden. "Ein Pleysteiner hat unbewusst Luftkriegsgeschichte geschrieben", fuhr der Professor fort. Unteroffizier Johann Piehler (1918 bis 2005), Angehörigen des KG 53 "Legion Condor", das in Mittel- und Unterfranken lag, habe fotografisch den ersten Abschuss eines Feindflugzeugs über Bayern dokumentiert.

Flugwache am Galgenberg

Der Zweite Weltkrieg sei noch keine zwei Monate alt gewesen, als ein französischer Nachtbomber am 17. Oktober 1939 bei Fürth von der Flak abgeschossen wurde. Bei den Aufräumungsarbeiten am folgenden Tag habe sich Piehler ein Bild von diesen Ereignissen gemacht. Dill sprach die Flugwache am Galgenberg bei Pleystein an, die auch im Winter von den altgedienten Soldaten, die teilweise schon im Ersten Weltkrieg dabei waren, besetzt war, so zum Beispiel mit Feldwebel Theodor Schopper, Kaufmann im Zivilberuf.

Frühere Feinde begegnen sich heute als Freunde, wusste Dill. "Es gibt keine Alternative zum Bemühen um Wahrheit und Versöhnung." Bürgermeister Rainer Rewitzer unterstrich, dass die Aufarbeitung dieses Kapitels unserer Geschichte auch Mahnung sein sollte. Die Museumsleiterinnen Christa Walbrunn und Grete Reger überreichten Dill eine Dokumentation über die Aktivitäten im Stadtmuseum von 2005 bis 2014.
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