Kameramann am Straßenrand

Lokales
Poppenricht
18.04.2015
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Tempo 93, 95, 103. Alles noch in der Toleranz. Die Autofahrer treten nicht allzu stark aufs Gas am Freitagnachmittag. Nur ab und zu ist ein kurzes Quietschen zu hören.

(räd) Winfried Walch, 58 Jahre und Polizeihauptkommissar, braucht viel Geduld. Zuerst streikt sein Blitzgerät auf einer Brücke an der Bundesstraße 85 zwischen Amberg und Sulzbach-Rosenberg. Und dann muss er lange warten, bis es zum ersten Mal blitzt. Die digitale Anlage zählt 1654 Fahrzeuge. Fast alle zuckeln. 80, 90 Kilometer pro Stunde. Bei erlaubten 100. Als Walch kurz nach 20 Uhr seinen Dienst beendet, hat er knapp zehn Tempoverstöße registriert. Der Blitzmarathon ist zwar an diesem Tag schon vorbei. Von Rasern dennoch keine Spur.

Der Sicherheit wegen

Walch, ein ruhiger, hagerer Mann, lässt keine Unruhe aufkommen. Er hat damit gerechnet. Zwischen 30 und 45 Minuten dauert es, bis er sein Equipment richtig postiert hat. Genug Zeit, andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Zum Beispiel per Verkehrsfunk. Walch hat da nichts dagegen. Er blitzt ja der Sicherheit wegen. Bevor er Bilder aufnehmen kann achtet er auf das, worauf alle Fotografen achten: das Licht. Steht die Sonne ungünstig, werden die Fotos schlecht - und als Beweismaterial untauglich. "Die Kamera darf nicht gegen die Sonne gerichtet werden", sagt Walch. Als erstes schleppt er nacheinander Stative, einen Sensor und zwei Kameras über eine schmale Granittreppe auf die schmale Brückenkappe. Zwei Kameras - eine für das Fahrerfoto von vorne, eine für den Nachschuss. So lassen sich auch Motorräder, die nur hinten ein Kennzeichen führen, identifizieren.

Walch steckt das große Blitzgehäuse mit der etwas kleineren Kamera darüber auf ein Stativ. Er richtet es auf zwei weiße Striche links und rechts der Fahrbahn aus. Zwischen ihnen werden sich die Stoßstangen der Autos befinden. Zwölf Meter vor der Kamera montiert Walch den Sensor. Lichtimpulse messen das Tempo und senden die Werte an einen Computer. Die quadratische Stahlbox mit fünf kreisrunden Öffnungen zur Straßenseite hin platziert Walch direkt hinter die Leitplanke. "So unauffällig wie möglich", lautet die Devise. "Natürliche Gegebenheiten dürfen genutzt werden", sagt Friedrich Böhm, Chef der Verkehrspolizeiinspektion Amberg. Was nicht gehe: Tarnungen in einer Mülltonne zum Beispiel.

Walch neigt die Box leicht zur Straße hin, damit sie nur eine Fahrspur erfasst. "Dass niemand sagen kann, das war der große Unbekannte, der mich überholt hat." Eine Wasserwaage hilft beim Ausrichten. Fehlt noch die zweite Kamera. Sie hat keinen Blitz, weil sie die Fahrzeuge nur von hinten aufnimmt. Spiegelnde Frontscheiben gibt es hier nicht.

Zuletzt die Kabel. Sie laufen unter dem Geländer hindurch zu einem Kastenwagen, der unter der Brücke steht. Im Transporter der Computer, ein Bildschirm, zwei Bürostühle. Walch stellt Zoom und Helligkeitswerte ein, legt den Toleranzwert fest und macht Testfotos - ohne Blitz. Technische Fehler sind so gut wie ausgeschlossen. Funktioniert der Datenaustausch zwischen den Geräte nicht, schaltet sich das System automatisch ab. An diesem Nachmittag muss es Walch zwei Mal neu starten, bis es fehlerfrei läuft.

Zahlung vor Ort

Dann wartet Walch bis es blitzt. Manchmal stundenlang. Ertappen die Sensoren einen Autofahrer, kann es sein, dass Walch Besuch kommt. Ein Verkehrsteilnehmer will wissen, wie schnell er war. "Das kommt nicht selten vor", sagt Walch. Und können die dann auch gleich ihre Verwarnung bezahlen? "Ich hab alles dabei." Ein kurzes Quietschen. Die Reifen. Einer hat wieder gebremst.
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