Neuer Thriller von Horst Eckert
„Es gibt große Zweifel“

"Zuletzt habe ich viele Sachbücher zum Thema NSU gelesen, jetzt sind mal wieder Krimis dran. Wo sie handeln, ist mir egal. Sie müssen mich berühren", sagt Horst Eckert. Doch anstatt sich auszuruhen, geht Eckert auf Lesereise durch die Oberpfalz. Bild: Kathie Wewer/hfz
Kultur
Pressath
16.09.2016
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Die Oberpfalz möchte er von Morden und Intrigen freihalten - zumindest soweit es in seiner schriftstellerischen Macht liegt. Einen Regional-Krimi wird Horst Eckert deshalb auch nicht schreiben. Und dass ihm die Realität genug Stoff liefert, macht er in seinem neuen Thriller "Wolfsspinne" deutlich.

Düsseldorf/Pressath. Er fühlt sich nach wie vor als Oberpfälzer - 1959 in Weiden geboren, aufgewachsen in Pressath -, auch wenn er seit drei Jahrzehnten in Düsseldorf lebt. Außerdem gehört Horst Eckert zu den erfolgreichsten - und besten - deutschsprachigen Krimi-Autoren der Gegenwart. Vor wenigen Tagen ist sein neuer Thriller "Wolfsspinne" (496 Seiten, 19,95 Euro, Wunderlich-Verlag) erschienen, der Kulturredaktion hat Eckert einen Einblick in seine Gedankenwelt und seine Zweifel an der "offiziellen" NSU-Geschichte gewährt. Im Oktober wird Eckert fünfmal in der Region lesen - unter anderem auch in seiner Heimatstadt Pressath.

Die Taten des Nationalsozialisten Untergrundes (NSU), die Verstrickungen der Sicherheitsbehörden, dazu noch die Hetze gegen Flüchtlinge auf Demonstrationen und das populistische Agieren verschiedener Politiker - die Realität liefert viel Stoff für Ihren neuen Thriller "Wolfsspinne". Warum haben Sie gerade diese Thematiken gewählt?

Horst Eckert: Ich glaube, wir waren alle schockiert, als vor fast fünf Jahren das Terrortrio des NSU bekannt wurde. Eine monströse Serie von Morden und Sprengstoffanschlägen. Dann wurde klar, dass auch der Verfassungsschutz verwickelt war, denn wer massenhaft Akten vernichtet, hat etwas zu verbergen. Ich wusste sofort, dass ich darüber schreiben müsste, mir fehlte nur zunächst der richtige Zugang zu dem Stoff. Als schließlich Pegida aufkam und die Welle rechter Gewalt hochschwappte, war der Zeitpunkt da.

Eine zentrale Figur in Ihrer Geschichte ist Ronny, ein V-Mann der Behörden, an dessen Händen nicht nur jede Menge Blut klebt, sondern der auch massiv auf den Aufstieg und den Fall des NSU eingewirkt hat. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es auch in Wirklichkeit einen solchen Ronny gab?

Es gibt große Zweifel an der Version der Behörden, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sich im Wohnmobil in Eisenach selbst erschossen hätten. Viele Indizien sprechen dagegen und auch der Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag hat das infrage gestellt. Wenn aber ein Dritter die beiden Neonazis erschossen hat, wer war das und warum? Was tut er heute? So kam ich auf "Wolfsspinne" und die Figur des Ronny. Natürlich ist mein Thriller blanke Erfindung, aber ich halte manches darin für wahrscheinlicher als die offizielle Version.

Für Ermittler Vincent Che Veih ist es nach "Schwarzlicht" und "Schattenboxer" der mittlerweile 3. Fall - und wieder wird es ganz persönlich für ihn. Zur RAF-Mutter und zum Nazi-Großvater gesellt sich nun auch noch der bislang unbekannte Vater. Darüber hinaus gewinnt man als Leser den Eindruck, dass Veih von seiner Arbeit und den Gängelungen dabei allmählich - salopp gesprochen - "die Schnauze voll hat". Ist die Geschichte Veihs für Sie nun auserzählt?

Noch nicht, denn zum einen nimmt Vincent seinen Beruf viel zu ernst, um hinzuschmeißen. Außerdem hat er noch viele interessante Aspekte, die es zu erzählen lohnt. Vincents vierter Fall ist bereits in Planung. Sein Vater wird darin eine Rolle spielen.

Sie sind ein politisch recht eindeutig zu verortender Mensch, daraus machen Sie beispielsweise auch auf Ihrer Facebook-Seite keinen Hehl. Spüren Sie viel "Gegenwind" aus der rechten Ecke? Bekommen Sie es dort auch mit Drohungen zu tun?

Handfeste Drohungen gab es noch nicht. Auf mein Schreiben hätten sie auch keinen Einfluss. Aus Parteipolitik halte ich mich raus, aber für Freiheit und Mitmenschlichkeit einzutreten, ist für mich selbstverständlich.

Zurück zu "Wolfsspinne": Das Innenleben der Sicherheitsbehörden wie Verfassungsschutz und Polizei beschreiben Sie nicht gerade schmeichelhaft. Das dürfte sicherlich nicht überall auf Wohlgefallen stoßen, oder?

Wie sollen die Geheimdienste reagieren? Mein Telefon anzapfen? (lacht) Ein schmeichelhafter Krimi wäre wenig spannend und der Verfassungsschutz hat es redlich verdient, aufs Korn genommen zu werden. So war der erste Verdächtige nach dem NSU-Mord von Kassel ein Verfassungsschutzbeamter, der "rein zufällig" zur Tatzeit am Tatort war und behauptete, nichts mitbekommen zu haben. Die Polizei hat ihm das nicht geglaubt, konnte aber nicht weiter ermitteln, weil geheim bleiben muss, was ein Geheimdienst so treibt. Ich habe den Eindruck, solche Behörden beschädigen den Rechtsstaat, statt ihn zu schützen.

Sie sind gebürtiger Oberpfälzer, Ihre Eltern leben in Pressath, Sie lesen regelmäßig in der "alten" Heimat. Wie sieht es denn mit einem Oberpfalz-Krimi aus Ihrer Feder aus? Da gäbe es schon noch Potenzial ...

Ich finde, wenigstens dieses schöne Fleckchen Erde sollte von Mord und Intrigen verschont bleiben. Wobei auch hier die Wirklichkeit manchmal anders aussieht.

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Weitere Informationen:

www.horsteckert.de

LesereiseDonnerstag, 6. Oktober (19 Uhr): Pirk (im Gewölbesaal der Brauerei Schwab).

Freitag, 7. Oktober (19.30 Uhr): Tirschenreuth (Stadtbücherei).

Samstag, 8. Oktober (19 Uhr): Sulzbach-Rosenberg (Gasthaus Landkutsche).

Montag, 10. Oktober (19.30 Uhr): Pressath (Bistro Nowas).

Dienstag, 11. Oktober (19.30 Uhr): Regensburg (Stadtbibliothek. (stg)


BuchtippVon Holger Stiegler

Es beginnt mit dem Mord an der Besitzerin eines Düsseldorfer Edelrestaurants und steigert sich zum facettenreichen Thriller, in dem die mörderische Blutspur und die Hintergründe des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in einem neuen Licht erscheinen.

Horst Eckert lässt sich mit seinem eben erschienenen fiktiven Roman "Wolfsspinne", der natürlich auf den echten Begebenheiten rund um das Terror-Trio (oder waren es doch mehr?) Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe basiert, auf ein dunkles und für unzählige staatliche Sicherheitsbehörden unrühmliches Kapitel der jüngsten Geschichte ein. Gekonnt verwebt er dabei die anfänglich zwei Handlungsstränge - einer spielt 2011, der andere 2015 - zu einem einzigen.

Eckert lässt erneut den Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent "Che" Veih ermitteln, mittlerweile bereits zum dritten Mal. Auch dieses Mal kommt Veih, der so etwas wie der "ewig Suchende" ist, seiner eigenen Biographie - in diesem Fall seinem bis dato unbekannten Vater - wieder ein Stück näher. Der Hauptkommissar bleibt der Sympathieträger, zu dem er sich in den beiden vorherigen Romanen "Schwarzlicht" und "Schattenboxer" entwickelt hat. Der reale NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe in München wirft mehr Fragen auf als er beantwortet, sorgt für größere Verunsicherung und weniger Vertrauen gegenüber Sicherheitsbehörden als dass er beruhigt.

Fragen, die Eckert nicht nur trefflich in seinen Roman verpackt, sondern sie auch beantwortet - und zwar auf eine Weise, die Angst macht. Es ist die Art Angst, dass es nicht unvorstellbar ist, dass es wirklich so war. Und die Angst, dass es so kommen könnte, wie Eckert seine packende Geschichte weiterdreht.

Mit "Schwarzlicht" im Jahr 2013 hat Horst Eckert seine "Vincent Veih ermittelt"-Reihe begonnen, es war definitiv kein Schaden, dass der Autor auf den Trend hin zu einer kontinuierlichen Hauptfigur über mehrere Romane aufgesprungen war.

Im Unterschied zu vielen seiner Kolleginnen und Kollegen gelingt es Eckert, seinem "Helden" Tiefe, ja so etwas wie ein Psychogramm zu geben. Die knapp 500 Seiten starke Lektüre von "Wolfsspinne" belegt wieder einmal: Wer den deutschsprachigen "Master of Suspense" sucht, der kommt an Horst Eckert definitiv nicht vorbei!
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