Branntwein in der Nuckelflasche

Historiker Bernhard Fuchs (links) bekam von Vorsitzendem Josef Neuber ein Geschenk - obwohl der nicht nur Positives über die Ahnen berichtete. Bild: is
Lokales
Pressath
07.04.2015
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Den Arzt Joseph Mayr hielt es nicht lange in der Region um Pressath. Bevor er die Gegend verließ, verfasste er einem Bericht über das Leben vor 150 Jahren. Der fällt wenig schmeichelhaft aus, erfuhren die Mitglieder des Heimatschutzbunds. Ob es an den Trinkgewohnheiten der Kinder lag?

"Früher war alles besser?" Mit dem Klischee von der guten alten Zeit räumte Historiker Bernhard Fuchs beim Heimatpflegebund auf. Bei der Hauptversammlung sprach er über Lebensverhältnisse vor 150 Jahren. Als Quelle dienten die 45 Seiten des Physikatsberichts des Arztes Dr. Joseph Mayr fürs Landgericht Eschenbach aus dem Jahr 1860.

Auf königliche Anordnung hatten die an den Landgerichten angestellten Ärzte einen Bericht über Topographie und Lebensumstände in ihrem Bezirk zu verfassen. In Mayers Zuständigkeit verstarben im Jahresdurchschnitt 119 Kinder im ersten Lebensjahr und elf Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Wöchnerinnen kehrten nicht selten bereits am dritten Tag nach der Geburt, "zur Verrichtung der gewöhnlichen häuslichen Geschäfte zurück". Und für die meisten Menschen war der Weg an den Regierungssitz oder die Garnisonsstadt die weiteste Reise, die sie je unternahmen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte der Markt Pressath 1195 Einwohner in 216 Häusern. An Gewerben existierten unter anderem 14 Bäcker, 13 Metzger, 21 Schuhmacher, ebenso viele Weber, 16 Schneider, 9 Zeugmacher, 6 Schmiede, eine Krugfabrikation und etliche andere Berufe. 1841 kam Pressath zum Landgericht Eschenbach. Nun gab es schon 1720 Einwohner. Am 2. Dezember 1843 stellte der Markt Gesuch zur Stadterhebung. Am 12. Januar 1845 genehmigte König Ludwig I diese Bitte, die Urkunde ist auf 20. Januar 1845 datiert. 1863 brachte die Bayerische Ostbahngesellschaft die Eisenbahn in die Stadt. Weil der Verkehr zunahm, mussten die Tore weichen. 1866 wurde das Wassertor (Richtung Eschenbach) und 1888 das Obere Tor (Richtung Kemnath) abgerissen.

Am Ende des Jahrhunderts zählte Pressath 1781 Einwohner und hatte von der Industrialisierung profitiert. Zwei Sägewerke, eine Steingutfabrik, vier Mühlen und zwei Brauereien schafften neue Arbeitsplätze. Gut ging es den Menschen aber nicht: "Wie groß die Armuth in Pressat sei, möge darauf erhellen, dass von den 240 Haushaltungen, welche hier sind, 123 Familien Holzzettel, das heißt die Erlaubnis besitzen, Dürrholz im Walde zu sammeln und auf Schubkarren heimführen zu dürfen. Alle Woche einige Male sieht man den Gerichtsdiener hier, um wegen rückständiger Steuern und Taxen zu exekutieren", schreibt ein Pressather Arzt. Dr. Joseph Mayr blieb nur zwei Jahre am Amtsgericht Eschenbach.

Fuchs ging auch auf Topographie und Ethnologie ein. Das Klima nennt er gemäßigt. "Der Winter beginnt gewöhnlich im November, der Abgang des Schnees, welch letzterer nur mittelmäßig tief fällt, fängt Ende Februar und Anfangs März an; die Vegetation beginnt Ende Aprilis oder Anfangs Mai. Hagelschläge kommen im Bezirke sehr selten vor, in dem der hohe Kütschenrain und der Rauhe Kulm die schweren Gewitter meist zertheilen oder gänzlich ablenken." Gut versorgt sei die Gegend mit Trinkwasser, besonders der "Armesbrunnen" bei Pressath rühmt Mayer.

Zu den Wohnverhältnissen heißt es: "Die Bevölkerung des Bezirks wohnt in vier Städten, einem Markt, zehn Hofmarkten, 56 Dörfern, 32 Weilern und 60 Einöden. Die größte Stadt ist Pressath mit 261 Häusern und 2014 Einwohnern, dann folgt Eschenbach mit 1 400 Einwohnern, Neustadt a.C. mit 987 Einwohnern und endlich Grafenwöhr mit 923 Einwohnern." Im Detail ging Dr. Mayr auch auf Bekleidung und Nahrung ein. Hier nennt er vor allem das künstlich erzeugte "braune Gerstenbier", welches in den Ortschaften Eschenbach, Pressath und Kloster Speinshart in guter Qualität vorkommt. Auch sei der Branntwein beliebt gewesen. "Selbst kleinen Kindern wird derselbe fast in allen Häusern gereicht." Hinsichtlich der geistigen Constitution der Bevölkerung zeichnete Dr. Mayr ein düsteres Bild. Die Entwicklung stehe auf einer sehr mittelmäßigen Stufe.
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