Direkter Weg zur neuen Heimat

Albert Butscher vor der Fotowand in seinem Haus. Viele Erinnerungen hängen dort, etwa an die jugendlichen Radtouren, die Butscher von Regensburg bis in die Alpen führten. Bilder: wüw (2)
Lokales
Pressath
21.11.2015
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Zugereiste haben es schwer im Norden der Oberpfalz. Hiesige können erst ihre Kinder werden, wenn überhaupt. Das Gerücht kannte auch Albert Butscher, als er in den 1960er Jahren hier ankam. Heute gibt es wenige Namen, die so eng mit Pressath verbunden sind. Wie hat er das gemacht?

(wüw) Albert Butscher hatte Erfahrung mit Eigenbrötlern. Vier Jahre war der junge Forstmann im Bayerischen Wald beschäftigt, wo die Menschen ebenfalls als schwer zugänglich gelten. Mit 28 absolvierte er 1962 die große Staatsprüfung, ganz in alter Familientradition. Schon der Vater und der Großvater waren Forstleute im Fürstenhaus Thurn und Taxis. Butscher entschied sich für den Staatsforst, weil der mehr Möglichkeiten bot. Die "forstlichen Wanderjahre" verschlugen ihn dann in den Bayerischen Wald, dann nach Passau, später noch Amberg.

Lieber in die Berge

1969 kam sein Chef mit einer eher unangenehmen Bitte: In Pressath brauche er einen guten Mann. "Ich wollte eigentlich in den Süden, mich zog es in die Berge." Ohne Butschers Zustimmung wäre es nicht gegangen, aber damals wog die Bitte eines Chefs noch schwerer, deshalb sagte Butscher zu, "aber nur für ein Jahr, höchstens für zwei", habe er dem Vorgesetzten damals gesagt. Als sich in den 1980er Jahren von selbst die Möglichkeit bot, in die alte Heimat an der Donau zurückzukehren, wollte die inzwischen fünfköpfige Familie nicht mehr, zu eng waren die Beziehungen zu Pressath und den Pressathern. "Erst dabei ist mir bewusst geworden, dass ich längst in Pressath heimisch geworden bin."

Dabei war der Start gar nicht einfach. "Die nördliche Oberpfalz war uns in Regensburg absolut fremd", sagt Butscher. Bei den Verkehrsmitteln und Straßen der damaligen Zeit, waren die 100 Kilometer beinahe eine Tagesreise. Bekannt war Butscher nur der Rauhe Kulm, den habe er schon als Kind bewundert, wenn er mit der Bahn auf dem Weg zu Verwandten in Bayreuth war. Die Eingeborenen wurden ihrem sperrigen Ruf gerecht: "Es war schon schwer, Zugang zu finden." Butschers Aufgabe war es, die Zusammenarbeit mit den Privatwaldbesitzern zu koordinieren, keine leichte Aufgabe. Sein Chef in Pressath habe ihn den Anfang leichter gemacht: "Friedrich Whistling hat mich auf den Heimatring aufmerksam gemacht."

Dort hatte gerade Hans Neumann den Vorsitz übernommen, gemeinsam mit ihm brachte sich Butscher ein. Der Verein habe Spielplätze gebaut und Wanderwege angelegt. Dabei kamen Butscher zwei Wesenszüge zugute: Die Freude am Umgang mit Menschen und der Spaß am Organisieren.

Auch beruflich kam er mit den Oberpfälzern bald besser zu recht. "Ich hab bald gemerkt: Mit den Leuten könnt' man Ross stehlen". Geholfen habe, dass er auf den Tipp eines Ausbilders hörte: Natürlich müsse er sich als Beamter an Recht und Gesetz halten, aber Gesetze bieten eine Menge Spielraum. "Ich hab immer versucht, diesen Spielraum für die Menschen zu nutzen." Mit der Zeit lernte Butscher auch die Natur seiner neuen Heimat zu schätzen, das einsame waldreiche Gebiete gefiel dem Jäger in ihm. Noch heute begleitet der 81-Jährige einen Freund zur Jagd in dessen Revier bei Ahornberg. Besonders angetan hat es ihm der Hessenreuther Wald. "Aber auch die Seenlandschaft bei Eschenbach oder die Ausläufer des Jura bei Kirchenthumbach sind wunderschön."

Großes Organisationstalent

Butschers Engagement und sein Organisationstalent beim Heimatpflegebund blieb anderen Vereinen nicht verborgen. Schon bald kamen die Verantwortlichen auf ihn zu, um ihn einzubinden. Besonders ist sein Name mit dem TSV verbunden, den er zur großen Landesliga-Zeit in den 1970er und 80er Jahren vorstand. Noch heute besucht er die Spiele des Vereins.

Beinahe ist es leichter, die Pressather Vereine aufzuzählen, in denen Butscher sich nicht im Vorstand einbrachte. Im Beruf war er als Behindertenvertreter im Personalrat aktiv, nach der Pensionierung setzte er sich für die Pensionisten ein. Die Liste seiner Ehrenämter ist so lang, dass er selbst nachschlagen muss, wenn er es genau wissen will. In gestochener Handschrift führt er Buch von den Möglichkeiten der modernen Datenverarbeitung halte ihn eine "innerere Blockade" fern, sagt er.

Das bedeutet aber nicht, dass er das Moderne ablehnt, im Gegenteil. "Das hat seine Berechtigung." Allerdings müsse man abwägen, wo der Einsatz sinnvoll ist. Abzuwägen ist ihm wichtig. "Es geht darum einen Mittelweg zu finden, mit dem alle Seiten leben können." Ein Beispiel sei dafür das kritische Verhältnis von Wald und Wild. Während viele Jäger oder Forstmitarbeiter für die andere Seite wenig Verständnis aufbringen, sieht Butscher als Waidmann und Förster beide Seiten: "Wald ohne Wild geht ebenso wenig wie andersherum." Auch zwischen Heimat und Ferne sucht er die Mitte. Das Fernweh trieb ihn schon als 16-Jährigen zu Radrundfahrten durch die Alpen. Die Liebe zu den Bergen ist geblieben. Besonders nach Südtirol zieht es ihn immer wieder, das Ahrntal ist für die Familie neben Pressath und Regensburg zur dritten Heimat geworden.

Barrieren abbauen

Den Mittelweg sucht Butscher auch als Pressather Seniorenbeauftragter. Seit 2010 bekleidet er das Amt, organisiert gesellige Abende und Musiknachmittage. Gerade feierte die von ihm organisierte Ausstellung "Senioren und ihre Hobbys" Erfolge. Auch bei der Vorbereitung des gerade gegründeten Vereins "Generationen Hand in Hand" im Städtedreieck brachte sich Butscher ein.

Und auch wenn eine Idee schlecht ankommt, nimmt Butscher es sportlich, wie beim schwach besuchten Infonachmittag zu den Sportangeboten für Senioren vor einigen Wochen. "Wenigstens die Sportgruppen konnten sich untereinander austauschen." Auch kommunalpolitisch mischt sich der frühere Stadt- und Kreisrat weiter ein, beim Thema Barrierefreiheit in der Stadt. Dabei mag er das Wort gar nicht: "Frei von Barrieren, geht nicht. Man muss aber schauen, dass es den Älteren möglichst leicht gemacht wird." Ein guter Mittelweg eben.
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