Fatale Ereigniskette

Lokales
Pressath
03.01.2015
0
0

"Friede auf Erden unter den Menschen." Der Weihnachtsgruß der Engel von Bethlehem - vor 100 Jahren sollte er ein frommer Wunsch bleiben.

Vier Christfeste mussten friedlos verstreichen, zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten sterben, ehe das gut vierjährige Ringen um politische und wirtschaftliche Machtansprüche und Prestigeträume endete, das als Erster Weltkrieg in die Geschichtsbücher einging.

Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage beantwortete Hans Gleißner in einem Vortrag im Schwesternheim, mit dem der Heimatpflegebund zugleich das Gedenkjahr zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs abschloss. Für den Historiker und wissenschaftlichen Mitarbeiter des Grafenwöhrer Museums steht außer Zweifel: Jener erste "Weltbrand", der vordergründig durch die "Schüsse von Sarajevo", den Mordanschlag auf das österreichische Thronfolgerpaar am 28. Juni 1914, entfacht wurde, war in Wahrheit der Kulminationspunkt einer gut vierzigjährigen fatalen Ereigniskette.

Deren Anfang sah Gleißner in den Jahren 1870/71. Nach einem siegreichen Krieg gegen Frankreich sei das neue deutsche Kaiserreich ostentativ im Königsschloss von Versailles ausgerufen worden und habe obendrein die Abtretung der ostfranzösischen Region Elsass-Lothringen durchgesetzt, wo in Metz und Straßburg zwei der wichtigsten deutschen Festungen aufgebaut worden seien: "Alles dies hat Frankreich nicht verwunden." In der Folgezeit habe das Reich eine immer stärkere europa- und weltpolitische Stellung angestrebt - zum Missfallen der bisherigen Vormächte Großbritannien, Frankreich und Russland, die dies mit dem Abschluss neuer Bündnisse beantwortet hätten.

Verhängnisvoll habe sich auch ausgewirkt, dass Deutschland Helgoland zu einem bedeutenden Marinestützpunkt ausgebaut habe, urteilte Gleißner. Dies habe nicht dem Geist des 1890 mit Großbritannien geschlossenen Vertrags über die Abtretung der zuvor britischen Insel entsprochen, sei in London als Provokation aufgefasst worden und habe die Allianz mit Frankreich und Russland weiter gefestigt. Obendrein habe sich Russland als Schutzmacht Serbiens verstanden, und das formal seit 1882 mit dem Deutschen Reich und der Habsburgermonarchie verbündete Italien habe sich mehr und mehr Frankreich angenähert. Somit seien die verbündeten "Mittelmächte" Deutschland und Österreich-Ungarn eingekreist gewesen.

Angesichts dieser Mächtekonstellation habe der deutsche Generalstabschef Alfred von Schlieffen schon 1905 die Gefahr eines Zweifrontenkriegs gesehen. So sei es 1914 auch gekommen: Nachdem serbische geheimbündlerische Nationalisten in Sarajevo den österreichischen Thronfolger ermordet hätten, habe sich das militärisch und wirtschaftlich schwache Österreich des deutschen Rückhalts im Falle eines Feldzugs gegen Serbien versichert und am 28. Juli dem Nachbarland den Krieg erklärt. Nicht bedacht habe man allerdings die enge Verbindung zwischen Serbien und Russland, das mit der Generalmobilmachung geantwortet habe.

Das mit Österreich verbündete Deutschland habe daraufhin Russland den Krieg erklärt, was Russlands westlicher Bundesgenosse Frankreich mit der Mobilmachung gegen die "Mittelmächte" erwidert habe. Am 5. August sei schließlich Großbritannien in den Krieg eingetreten, nachdem Deutschland die neutralen Staaten Belgien und Luxemburg rechtswidrig besetzt habe. (Im Blickpunkt)
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7958)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.