Griechenland im Herzen

Jutta Wolfrum am Georgsbrunnen in Pressath. Durch ihre neue Arbeitsstelle ist sie wieder häufiger in ihrem Heimatort. Archivbild: is
Lokales
Pressath
02.07.2015
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Die Krise hat die gebürtige Pressatherin Jutta Wolfrum aus ihrer Wahlheimat Griechenland vertrieben. Ihre Gedanken sind aber weiter in dem Land und bei den Menschen.

(wüw) Die griechischen Jahre hat Jutta Wolfrum vorerst hinter sich. 15 Jahre lebte die gebürtige Pressatherin in Athen, seit April arbeitet die Germanistin an der Uni Bamberg. Fünf Jahre Krise haben die 48-Jährige und ihren griechischen Mann mürbe gemacht. Tochter Leonie kommt im September zur Schule. Wegen der unsicheren Zukunft hat sich ihre Mutter die Stelle in Deutschland gesucht. Ehemann Ioannis Skordilis kommt nach. Leicht fällt dem Paar der Umzug nicht: "Ohne die Krise wäre das Land lebenswert, Menschen und Klima sind sehr angenehm", sagt Wolfrum.

Seit dem letzten Gespräch mit dem "Neuen Tag" im Juli 2012 (Internethinweis) habe sich in Griechenland aber nichts verbessert. Armut, Arbeitslosigkeit und Schulden nahmen zu - obwohl die Griechen alles gemacht haben, was die Geldgeber verlangten. "Das Sparen hat die Wirtschaft abgewürgt. So konnte es nicht weitergehen."

"Von den Milliarden kam bei den Menschen nie etwas an. Der Staat bekommt Geld, um es an ausländische Banken weiterzureichen." Wütend mache sie Klischees und Alltagsrassismus. Griechen seien nicht faul, wollen nicht auf Kosten anderer leben. Das Renteneintrittsalter liege bei 67 Jahren, die durchschnittliche Arbeitszeit über der in Deutschland. Griechen haben weniger Urlaub und Feiertage. "EU-Statistiken belegen das."

Weil die Partei Syriza versprochen hat, das Kaputtsparen zu beenden, stellt sie mit Alexis Tsipras nun den Ministerpräsidenten. Was der bislang erreicht hat, bewertet Wolfrum allerdings kritisch. Dass er Wahlversprechen nicht einhält, könne sie verzeihen. Das sei beinahe schon normal. Für ihren Geschmack ist es ihm und Finanzminister Yanis Varoufakis aber zu wichtig, sich selbst darzustellen. Ihr Auftreten wirke respektlos, mache Kompromisse zusätzlich schwer.

Auch vom Referendum zu den Sparmaßnahmen am Wochenende hält Wolfrum wenig. "Die Regierung schiebt die Verantwortung von sich." Eine Prognose zum Ausgang sei schwer. "Einerseits wollen die Menschen trotz allem den Euro behalten, andererseits gibt es viele, die inzwischen das Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorziehen." Ein Land ohne Euro kann sich Wolfrum aber nur schwer vorstellen. Die internationale Konkurrenz habe die Industrie zerstört. "Griechenland ist heute ein Agrarland, Industriegüter müssen fast alle importiert werden." Kehrt das Land zur Drachme zurück, werden diese Güter aber unbezahlbar.

So oder so, Jutta Wolfrum sieht schwarz für ihr Griechenland - und nicht nur sie: Mit ihrem Wegzug liegen sie und ihr Mann im Trend. Wer kann, geht. Das sind vor allem die Gutausgebildeten. Deutschland löse etwa derzeit seinen Ärztemangel, indem es Griechen abwirbt. Fachkräfte ins Ausland zu vermitteln sei die einzige griechische Branche, die momentan floriert. (Hintergrund)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/3319989
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