"Hilf mir, ich sterbe"

Lokales
Pressath
26.05.2015
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Ohne ihre Nachbarn wäre sie tot. Nach dem Messerangriff von Pressath robbte die 25-Jährige am Samstagmorgen mit letzter Kraft aus ihrer Wohnung auf den Gehweg. Dort suchte sie Hilfe und fand sie auch. Die Frau lebt, weil ihre Nachbarn nicht wegschauten.

Kurz zuvor hatten sich ein paar Meter entfernt schreckliche Szenen abgespielt. Doch davon wusste Lothar Hermann nichts, als er am Samstagmorgen die heimische Toilette ansteuerte. Fenster und Tür zum Hof seines Hauses in der Bachstraße 25 waren offen. "Nur deshalb konnte ich von der Straße das Wimmern hören", sagt Hermann. An Hilferufe erinnert er sich nicht, das Geräusche habe ihn zunächst nicht einmal an einen Menschen erinnert. "Ich dachte, da streiten Katzen."

Wie ein Automat

Trotzdem ging er zum Hoftor, um zu schauen, was da auf der Straße so gar keine Ruhe geben wollte: "Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke", sagt der Rentner am Dienstag. Die 25-jährige Frau lag in einer dunkelroten Lache ihres eigenen Bluts, der Fleck ist noch immer zu sehen. "Hilf mir, ich sterbe", habe die Frau gehaucht, als er zu ihr gestürzt kam. Er selbst habe daraufhin wie ein Automat reagiert. Doch trotz des Schocks machte der 62-Jährige in der Ausnahmesituation alles richtig: "Ich habe einen Notruf abgesetzt, die Frau zugedeckt und sie getröstet." Außerdem rief er selbst laut um Hilfe - immer wieder. Hilfe kam schnell. Nur kurz nach Hermann eilten Michaela Schmidt und ihre Tochter Denise aus ihrer Wohnung auf der anderen Straßenseite. Auch sie hatten das Opfer um Hilfe flehen hören. Hermanns Rufe weckten dann auch dessen Lebensgefährtin Sabine Thiel. Zu viert kümmerten sie sich um das Opfer, standen der Frau bei, bis Sanitäter und Notarzt die Bachstraße erreichten.

"Wir haben darauf geachtet, dass sie nicht einschläft. Wir haben sie einfach die Augen nicht zumachen lassen", beschreibt Denise Schmidt ihre Bemühungen. Die 21-Jährige ist selbst im neunten Monat schwanger, Aufregung sollte sie so kurz vor der Geburt auf jeden Fall vermeiden, genau wie Unterkühlung oder ungeschützten Kontakt mit fremdem Blut. An die vielen Argumente, die gegen das Helfen sprachen, habe sie aber erst hinterher gedacht. "Zum Nachdenken hatte ich in dem Moment ja gar keine Zeit." Immer wieder stellte sie der Frau Fragen, um sie zu beschäftigen und sie von ihren Schmerzen abzulenken. Zehn Minuten hat es gedauert, bis die professionelle Hilfe kam, schätzt sie. "Vielleicht ging es aber auch schneller. Mir kam es auf jeden Fall ewig vor." Lothar Hermanns Erinnerung ist tatsächlich etwas anders: "Eigentlich waren die Helfer sehr schnell da", sagt er. Zunächst kamen die "Helfer vor Ort", dann Notarzt und Polizei.

Gute Nachrichten

Egal, wie lange es gedauert hat: Für Denise Schmidt und ihre Mama Michaela reichte die Zeit, um dauerhaften Kontakt zu der niedergestochenen jungen Frau zu knüpfen, die sie zuvor noch nie gesehen hatten. Schließlich war sie erst vor einigen Wochen von außerhalb nach Pressath gezogen. "Um sie wach zu halten, haben wir auch nach ihrer Telefonnummer gefragt und nach der ihrer Mama", sagt Denise Schmidt. Mit der Mutter des Opfers halten die beiden Frauen nun regelmäßig Kontakt. "Sie informiert uns, wie es ihrer Tochter geht", sagt Denise Schmidt.

Zuletzt erreichten die beiden Schmidt-Frauen gute Nachrichten aus dem Krankenhaus: "Es geht ihr besser. Am Montag durfte sie von der Intensiv- auf die normale Station", sagt Denise Schmidt. Sie und ihre Mutter hätten schon daran gedacht, ihre neue Bekanntschaft im Krankenhaus zu besuchen. "Aber vorerst wollen wir sie in Ruhe lassen, bis es ihr noch besser geht." So bleibt den beiden Lebensretterinnen die Freude über ihre gute Tat und die guten Nachrichten von der Mutter ihres Schützlings: "Zuletzt hat sie uns geschrieben, dass ihre Tochter schon wieder gelächelt hat", sagt Denise Schmidt und lächelt auch.
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