Integration: Flüchtlinge nach den Anschlägen
Zu Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft in Pressath

Drei, die sich mögen: Fadi (von links), Stephanie Landgraf und Mohammed. Bild: wüw
Politik
Pressath
18.08.2016
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Die Flüchtlinge sind noch da, aber die Euphorie ist weg. Spätestens seit dem Anschlag von Ansbach gibt es Zweifel am "Wir schaffen das". Wie sehen Flüchtlinge ihre Zukunft, den Krieg in Syrien und Anschläge in Deutschland? Zu Besuch in einer Pressather Unterkunft.

Das mit den Frauen und dem Händeschütteln klärt sich, zwei Sekunden nachdem sich die Wohnungstür geöffnet hat. Die jungen Syrer denken gar nicht daran, Stephanie Landgraf und Gudrun Raab Hautkontakt zu verweigern. Zur Begrüßung gibt es Umarmungen und Wangenküsse. Rund 60 Quadratmeter misst die Wohnung, in die die jungen Männer bitten. Sieben Syrer teilen sich drei Zimmer, Küche, Bad. Löchriger PVC-Boden, kahle Wände, Sperrmüllmöbel, Röhrenfernseher. Alles erinnert an einen Jugendtreff - oder eine Wohnung junger Männer ohne Geld.

Drei Bewohner sind gerade in Duisburg. Sie wollen dorthin zu Verwandten ziehen, eine Wohnung haben sie gefunden, nun will das Jobcenter den Mietvertrag prüfen - und besteht auf persönliches Erscheinen. "In Zeiten des Internets müssen sie dafür 600 Kilometer fahren", sagt Gudrun Raab. Solche Auflagen beschäftigen die Flüchtlingsbetreuerin und ihre Schützlinge ständig, derzeit bei der Stellen- und der Wohnungssuche. In den vergangenen Wochen erhielten die meisten in der Wohnung die Flüchtlingsanerkennung. Damit sind sie nun selbst für ihre Unterkunft zuständig. Die Zeit drängt aus einem weiteren Grund. Ein neues Gesetz schreibt Flüchtlingen bald für drei Jahre den Wohnort vor. Die wenigsten wollen aber dauerhaft ohne Führerschein und Auto auf dem Land leben.

Flucht vorm Wehrdienst


Auch Mohammed und Fadi wollen das nicht. Der 21-jährige Mohammed stammt aus Aleppo, der 19-Jährige Fadi aus Damaskus. Wie ruhig es in Pressath ist, können die Großstädter auch nach zehn Monaten nicht glauben. "Es gibt fast keine Menschen hier", sagt Mohammed und lächelt schüchtern. Die beiden trafen sich vor einem Jahr in der Stützelvilla in Windischeschenbach. In Syrien war Mohammed Wirtschaftsstudent, jobbte nebenbei in einem Computerladen. Fadi arbeitete nach der Schule drei Jahre für den Paketdienst DHL. Zu Schicksalsgenossen machte sie ein Brief: die Einberufung. Seit in Syrien der Krieg tobt, dauert der Wehrdienst sechs statt zwei Jahre, die Chance ist hoch, in der Zeit zu sterben. Um der Armee zu entkommen, wählten sie vergangenen Herbst die Balkanroute. Nach Aufnahmelagern und Notunterkunft wurden im Oktober die Plätze in Pressath frei.

Hier hatten sie das Glück, auf Raab, Landgraf und den Helferkreis Asyl zu treffen. Raab kümmert sich um Asylbewerber, seit vor viereinhalb Jahren die ersten nach Pressath kamen. Seit drei Jahren hat sie einen 400-Euro-Job beim Landratsamt als Flüchtlingsbetreuerin. Für "ihre Leute" ist sie rund um die Uhr da. Vor einigen Monaten formierte sich der Helferkreis, seither investiert auch Landgraf viel. Die Frauen helfen bei Behörden, besuchen Konzerte, organisieren Ausflüge und andere Abwechslung vom Nichts-tun-dürfen. Die 36-jährige Landgraf wirkt wie die große Schwester. Wie Raab ist sie auch Dolmetscher und Sprecher, denn Fahdis und Mohammeds Deutsch reicht zwar inzwischen für den Alltag. Wenn es um Politik und Religion geht, wird es schwerer.

Selbst mit den Helferinnen können die beiden nicht erklären, weshalb im Namen ihres Gottes immer wieder Menschen sterben müssen. "Allah will das nicht", sagt Mohammed nur. In ihrer Heimat habe der Glaube der Nachbarn nie eine Rolle gespielt, dabei lebten viel mehr Religionen nebeneinander als in Deutschland. Das haben die beiden Landgraf berichtet. Religion werde vorgeschoben, tatsächlich gehe es um Einfluss, Macht, Geld, glaubt Fadi. Wieso sich gerade der Islam so leicht dafür missbrauchen lässt? Weder die jungen Männer, noch die Frauen wissen es.

Ein Rätsel sind auch die Anschläge, die Flüchtlinge in Würzburg und Ansbach verübten oder die Grabschattacken in der Weidener Thermenwelt. "Das alles ist schlimm für sie", sagt Landgraf über die Jungs. "Es nimmt sie mehr mit als viele Deutsche." Einerseits verstöre sie jede Gewalt nach den Kriegserlebnissen der vergangen Jahre. Dazu komme ein Fremdschäm-Gefühl. Und natürlich wissen sie, dass die Anschläge ein schlechtes Licht auf sie werfen. Jeder Asylbewerber hafte für alle anderen. "Flüchtlinge stehen unter Beobachtung. Einheimischen lässt man Vieles durchgehen, wofür Asylbewerber sich rechtfertigen müssen", findet Landgraf.

Keine Erklärung


Auch für die Probleme in der Weidener Thermenwelt kann sie keine Erklärung bieten, diese Berichte passen nicht zu ihren Erfahrungen. Gerade die jungen Männer unter den Flüchtlingen habe sie als höflich, zurückhaltend, niemals aggressiv kennengelernt. "Natürlich schauen sie mal einem Mädchen hinterher." Aber von gleichaltrigen Deutschen habe sie schlimmeres Verhalten erlebt. Das bestätigt Raab. Alle möglichen Probleme haben sie beschäftigt, seit sie sich um Flüchtlinge kümmert. Straftaten spielen aber kaum eine Rolle, Fälle mit sexuellem Hintergrund habe es nie gegeben. "Man sollte auch nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werfen", fügt Raab an. Die Menschen kommen von überall und sind nicht alle gleich. Vor allem mit Syrern verbinde sie nur gute Erfahrungen.

Nicht nur Musterknaben


Raab und Landgraf wissen, dass das nicht für alle Flüchtlinge gilt. "Es kommen nicht nur Musterknaben." Und natürlich passe die Wertvorstellung mancher nicht zum Westen. Überraschenderweise sei dies aber meist bei Familien ein Problem: Väter, die ihre Mädchen nicht zum Schwimmunterricht lassen, Frauen die nur voll verschleiert auf die Straße dürfen. Die oft kritisierten jungen männlichen Flüchtlinge seien da leichter zu haben: "Sie sind dem Westen gegenüber aufgeschlossen."

Das gilt auch für Fadi und Mohammed. Der 21-Jährige hat bereits eine Wohnung in Regensburg gefunden, dort will er studieren, vielleicht auch eine Ausbildung machen. Wenn er in drei Jahren Beschäftigung und Sprachkenntnisse auf C1-Niveau belegt, darf er bleiben. Das möchte er unbedingt. "Deutschland ist meine zweite Nation." Er träumt von einem guten, einem friedlichen Leben. Fadi ist noch auf Wohnungssuche. Seine Träume sind Mohammeds ähnlich, noch lieber würde er nach Syrien zurückkehren, wenn dort wieder Frieden einkehrt. Doch daran glaubt Fadi nicht. "Nicht in tausend Jahren wird es Frieden geben."

Es gibt fast keine Menschen hier.Mohammed aus der Metropole Aleppo über seinen Eindruck von Pressath


Sie verstehen nicht, wieso Flüchtlinge das tun, weil sie selbst den Deutschen sehr dankbar sind.Stephanie Landgraf über die Reaktion "ihrer" Flüchtlinge auf die Anschläge von Würzburg und Ansbach

Sie schaffen Integration

Angemerkt von Wolfgang Würth

Stephanie Landgraf und Gudrun Raab können sich nicht recht erklären, weshalb sich ihre Schützlinge so anders verhalten, als es die schlechten Nachrichten der letzten Wochen und Monaten nahelegen. Aufgeschlossen, höflich, zuvorkommend – so haben sie vor allem die jungen syrischen Männer in deren Pressather Flüchtlingsunterkunft in den vergangenen Monaten kennengelernt.

Vielleicht sind die beiden Frauen selbst der Grund, der die Integration junger Männer in Pressath funktionieren lässt. Sie und ihre Helfer sorgen dafür, dass diese Männer das Leben in Deutschland positiv kennenlernen, dass sie die Erfahrung machen, dass ihnen die westliche Lebensart Chancen bietet, die es in der Gesellschaft ihrer Heimat nicht gibt.

Und sie erfahren an den beiden Macherinnen Landgraf und Raab, dass Frauen mehr können, als ihnen der traditionelle Islam zutraut – dass es keine Schande ist, auf eine Frau zu hören, wenn sie mehr Ahnung und Erfahrung hat.

Wer mit der westlichen Lebensart zuerst deren Chancen und Möglichkeiten verbindet, kommt nicht so schnell auf die Idee, sich Salafisten anzuschließen, denen Freiheit und Individualität ein Gräuel sind. Der Helferkreis in Pressath zeigt, dass die Integration zu schaffen ist, wenn neben der Logistik auch das Menschliche passt, wenn es motivierte Menschen gibt, die ihre Freizeit opfern, um Neuankömmlingen die positiven Seiten unserer Welt zu zeigen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Flüchtlinge (1361)Asylbewerber (62)Syrien (179)
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Oliver Endres aus Amberg in der Oberpfalz | 18.08.2016 | 08:39  
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