Den Wald fit machen für den Klimawandel:
„Wohlfühlbereich“ für Pflanzen

Mit dem Laptop prognostiziert der Eschenbacher Revierleiter Martin Gottsche sekundenschnell, wie hoch das "Anbau-Risiko" des Ist-Waldbestands im Jahr 2100 ist. Ein eigenes Standort-Informationssystem liefert aufgrund der jeweiligen Flurstücksnummer eine detaillierte Vorhersage. Bilder: Fütterer (2)
Vermischtes
Pressath
07.08.2016
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So sieht der Wald der Zukunft aus: Unter dem "Schirm" des alten Bestands gedeiht eine große Artenvielfalt. In diesem Privatwald bei Grafenwöhr wachsen mehr als 20 verschiedene Baumarten heran.

Schreitet die Erderwärmung fort, bleibt der Fichte - dem "Brotbaum" in der Region - nur der Rückzug. Damit der Wald Zukunft hat, läuft ein gewaltiger Umbau in klimatolerante Mischwälder. Die Zeit drängt. Allein der jährliche Holz-Zuwachs im Landkreis Amberg-Sulzbach speichert 465 000 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxyd.

Quasi den Schlüssel für den zukunftssicheren Wald stellt für Gerhard Hösl, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Weiden, die "standortgerechte Baumart" dar: Je nach Himmelrichtung, Hangneigung, Grundwasserstand oder Bodenbeschaffenheit (Sand, Ton, Lehm ...) wird der dafür ideale Baum gepflanzt - Buche und Eiche, aber auch Tanne und Douglasie sind die Favoriten. Hösl spricht von "Wohlfühlbereichen" der Bäume. Sogar mit fremdländischen Arten wird experimentiert, so bekommen etwa die nordamerikanische Küstentanne, die Japanbirke, Robinie oder die mediterrane Esskastanie ihre Chance (neben heimischen Linden, Ulmen, Berg- und Spitzahorn). An finanzieller Unterstützung mangelt es nicht: Sechs Millionen Euro mehr stellt die Staatsregierung in Bayern in den kommenden beiden Jahren für den Umbau labiler in klimatolerante Wälder bereit. Die Umgestaltung der monotonen Fichten- und Kiefernbestände in artenreiche Mischwälder verläuft jedoch - gelinde gesagt - recht mühsam.

Von den betreuten 56 500 Hektar im Bereich des AELF Weiden werden weniger als 100 Hektar im Jahr neu bepflanzt oder mit Laubholz "naturverjüngt". So wandelte sich in den vergangenen fünf Jahren knapp ein (!) Prozent der Gesamtfläche in "stabile Mischwälder". Bereichsleiter Hösl erkennt aber eine "stark steigende Tendenz". Es besteht jedoch kein Zweifel, dass der regionale Umbau mit einem Laubholzanteil von mindestens 30 Prozent wahrscheinlich eine Generation lang (über ein Vierteljahrhundert) dauern dürfte.

In der - beratenden - Zuständigkeit des AELF liegt der Privat- und Körperschaftswald. So erkannte Karl Georg, der bei Grafenwöhr neun Hektar Wald sein Eigen nennt, "die Zeichen der Zeit". Seitdem 2007 der Sturm "Kyrill" wütete, polt er die überwiegenden Kiefern- und Fichtenbestände Schritt für Schritt um. Der neue Artenreichtum bewirkt beim Eschenbacher Revierleiter Martin Gottsche Begeisterung: "Wo früher nur eine Kiefer-Fichte-Wüste vorherrschte, sprießt heute regelrecht eine grüne Hölle."

Ohne Zaun keine Chance


Der frühere "Bauernwald" hebt sich für das Auge wohltuend von der Umgebung ab. Der Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Eschenbach, Reinhard Wiesent, zeigt auf, dass sich Laubholz wirtschaftlich rechnet. So konnte er 80 Festmeter Eiche in sogenannter B-Qualität (mehr als 40 Zentimeter Durchmesser) für fast 230 Euro je Festmeter vermarkten. "Die Fichte bringt es lediglich auf 85 bis 90 Euro je Festmeter." Unbestritten ist, dass Laubholz langsamer als Fichte und Kiefer wächst. So zieht die Buche erst nach 40 Jahren annähernd mit der Fichte gleich. "Aber die Mischbestände haben eine deutlich bessere Wuchsleistung - und die Buche schafft der Fichte den besseren Standort", betont Forst-Bereichsleiter Hösl.

Ein arges Hemmnis für die Wald-Transformation stellt der Wildverbiss dar: Ohne schützenden Zaun haben die kleinen Bäumchen - von denen im Landkreis Neustadt/WN etwa 150 000 pro Jahr gesetzt werden - keine Chance. Hösl beziffert die kompletten Kosten für die Umzäunung eines Hektars auf rund 2500 Euro. Da wird der Zuschuss von 0,85 bis 1,50 Euro für jedes der 5000 bis 6000 Pflänzchen pro Hektar schnell aufgezehrt.

Unsere Wälder fit für den Klimawandel zu machen, stellt die größte Herausforderung dar.Gerhard Hösl, Bereichsleiter Forsten am AELF Weiden


Der Wald als KapitalanlageNoch vor wenigen Jahren bezahlten Käufer für einen Quadratmeter Wald in der nördlichen und mittleren Oberpfalz selten mehr als 1,50 bis 2 Euro im Durchschnitt. Nach Einschätzung von Forstdirektor Moritz Neumann bewegt sich der Preis heute bei 2,50 bis 3 Euro für den Quadratmeter mit mittlerem Baumbestand. "In Einzelfällen werden sogar 5 Euro hingelegt", berichtet Neumann. Ein "wachsendes Problem" bereiten die sogenannten "urbanen Waldbesitzer". Bei ihnen handelt es sich um Erben oder Kapitalanleger, "die irgendwo auf der Welt leben und sich nicht um ihren Wald kümmern". Neumann: "Kommt es zu Windbruch oder Borkenkäferbefall, sind die Eigentümer nur sehr schwer zu erreichen." Oft helfe nur die Drohung einer - kostenpflichtigen - "Ersatzvornahme auf dem Verwaltungsweg". (cf)


Dicht bewaldetDer Landkreis Amberg-Sulzbach (mit der Stadt Amberg) wird zu 47 Prozent (60 880 Hektar) von Wald bedeckt. Kaum weniger hoch ist mit einem Anteil von 46 Prozent der Waldbestand im Landkreis Neustadt/WN (mit Weiden). Die 69 000 Hektar sind hauptsächlich mit Kiefern bewachsen, gefolgt von Fichte, Tanne und Douglasie mit 38 Prozent. Trotz aller Anstrengungen beträgt der Anteil der Buche bescheidene 3 Prozent; ebenfalls 3 Prozent macht das "sonstige Laubholz" aus. (cf)
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Sonja Schuhmacher aus Weiden in der Oberpfalz | 09.08.2016 | 15:08  
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