Johannes Landgraf aus Zessau war am Dienstag auf dem Weg nach Brüssel
Fleißiger Schutzengel

Johannes Landgraf drückt seine Frau Anita fest an sich. Das Paar aus Zessau lebt seit zwei Jahren in der Nähe von Brüssel und wäre eigentlich - nach dem Urlaub in Amerika - zum Zeitpunkt des Anschlags am Flughafen Zaventem gelandet. Bild: privat
Vermischtes
Pressath
24.03.2016
1024
0

Tote, Verletzte und Scherben. Die Anschläge am Dienstag in Belgien wühlen auf, hinterlassen Angst. Johannes Landgraf aus Zessau hat von dem Unglück am Londoner Flughafen erfahren - auf dem Weg nach Brüssel.

Zessau/Brüssel. Was passiert wäre, wenn Johannes Landgraf und seine Frau Anita wie geplant zwei Stunden eher losgeflogen wären, darüber will der Oberpfälzer gar nicht nachdenken. "Wir wollten von Amerika direkt nach Brüssel fliegen und wären genau zu der Zeit angekommen, als die Bombe explodierte", erzählt der 68-Jährige am Donnerstag am Telefon. Doch es kam anders - durch einen Zufall.

Das Paar buchte spontan um, wollte noch ein paar Stunden mehr mit der Familie in Amerika verbringen und nahm schließlich einen späteren Flug über London. Das eigentliche Ziel: Brüssel. Doch in England war dann erst einmal Endstation. Keine Verbindung in die Hauptstadt Belgiens.

Vor rund zwei Jahren sind die Landgrafs aus beruflichen Gründen von Zessau ins belgische Herne gezogen. Die Stadt liegt nicht weit von Brüssel entfernt und ist laut dem Zessauer ungefähr so groß wie Pressath. "Mit dem Zug ist unser Haus 15 Minuten vom Flughafen weg", schätzt er.

Keine Flugverbindung


Dass nicht weit von ihrem Haus eine Bombe detoniert ist, hat das Ehepaar erst am Londoner Flughafen erfahren, über Freunde und Familie. "Es kamen immer mehr Anfragen. Wie geht es euch, wie geht es euch, wie geht es euch?", erinnert sich der 68-Jährige. "Wir wussten da noch gar nicht, was los ist." Am Schalter hieß es nur: "Ihr könnt nicht nach Brüssel." Im Internet habe Landgraf dann von den Terroranschlägen gelesen. Der Schock war groß. Die einzige Möglichkeit, wenn die Oberpfälzer nicht in London festsitzen wollten, war der Flug nach Amsterdam. "Wir haben sofort die Verbindung bekommen. Mensch bin ich froh, dass wir nicht direkt nach Brüssel geflogen sind", murmelt er erleichtert. Ein Shuttle der US-Armee - Ehefrau Anita arbeitet bei der Nato - holte das Paar in Amsterdam ab und brachte es nach Hause. Drei Stunden waren die beiden durch den Umweg länger unterwegs - eine Tortur nach dem langen Flug. "Unsere Koffer haben wir bis heute noch nicht", sagt er. Dass das Gepäck in den nächsten Tagen geschickt wird, ist unwahrscheinlich. Der Flugverkehr in Brüssel ist lahmgelegt. "Unsere Sachen, die ganze Hektik", stöhnt Landgraf.

Wenn er allerdings die Bilder von den Anschlägen sieht und Nachrichten liest, sind diese Probleme vergessen. "Wir haben am Flughafen nur noch gebetet", erzählt er mit leiser Stimme. "Sogar Pfarrer Werner Kaspindalin und Pater Benedikt Röder haben uns geschrieben. Werner meinte, wir hätten einen riesigen Schutzengel gehabt." Und auch sonst stand das Telefon kaum still.

Mulmiges Gefühl


Zu Hause angekommen hat sich das Paar erst einmal eingesperrt. "Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, hab eiskalte Füße gehabt", berichtet Landgraf. "Das kommt dann alles erst hinterher. Ich hab mir gedacht: Mensch hast du Glück gehabt." Auf dem Heimweg von Amsterdam nach Herne seien überall Polizeistreifen unterwegs gewesen. Die Grenzen waren dicht.

"Im Auto war ich relativ sicher, die Autobahn leer. Das war sehr beruhigend", erinnert sich Landgraf. Ein mulmiges Gefühl sei es trotzdem, nicht weit von den Anschlägen entfernt zu leben. Die momentane Stimmung in Brüssel beschreibt er als angespannt. "Meine Frau war heute zum ersten Mal in der Arbeit. Ich bin gespannt, was sie sagt", meint er. Der 68-Jährige will so schnell wie möglich wieder heim nach Zessau. "Ich hoffe, wir können im Herbst zurück." Ihm fehlt in Belgien die bayerische Gemütlichkeit, die Familie und vor allem das Schwammerl suchen im Hessenreuther Wald.
Wir wollten von Amerika direkt nach Brüssel fliegen und wären genau zu der Zeit angekommen, als die Bombe explodierte.Johannes Landgraf
Weitere Beiträge zu den Themen: Attentat Brüssel (1)Johannes Landgraf (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.