Johannes Rauch radelt von Deutschland nach Spanien
Abenteuer auf dem Sattel

Endlich am Ziel in Santiago de Compostela. Johannes Rauch aus Pressath ist erleichtert, denn der Weg mit dem Rad von Deutschland nach Spanien war oft holprig. Mit jedem Kilometer ist der 22-Jährige aber auch daran gewachsen. Er hatte viel Zeit, sich Gedanken über sein Leben zu machen und welche Ziele er noch erreichen will. Bilder: hfz (4)
Vermischtes
Pressath
30.09.2016
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Beeindruckende Fotos von der Landschaft entstehen auf der Reise. Die Auszeit vom Trubel des Alltags genießen die beiden Männer.
 
Bis nach Santiago ist es nicht mehr weit.

Start: Deutschland. Ziel: Spanien. Auf dem Fahrrad strampelt Johannes Rauch 2454,5 Kilometer nach Santiago de Compostela. Von dem Weg Camino del Norte hat der Pressather viele schöne Erinnerungen, aber nicht nur. Eine spontane Entscheidung hätte ihm und seinem Begleiter fast das Leben gekostet.

In ein kleines Buch kritzelt der 22-Jährige jeden Abend, was er in den vier Wochen in Frankreich und Spanien erlebt hat. Akribisch notiert er die mit viel Schweiß geschafften Tageskilometer, die reine Fahrzeit, das Wetter, Erinnerungen und Emotionen. Glücksmomente wechseln sich ab mit Erschöpfung, Angst und Schmerzen. Aber aufzugeben kommt nicht in Frage.

Die Tour auf dem Jakobswegs startet in Freiburg im Breisgau. Rauch will sich mit einem Freund aus München bis nach Santiago de Compostela in Spanien durchkämpfen, also den Jakobsweg befahren - ohne Training. Im Gepäck: Zelt, Isomatten, Wechselkleidung, Wasser und eine Drohne. Damit wollen die Männer ihr Abenteuer auf Video dokumentieren. Die ersten 50 Kilometer über die französische Grenze sind noch einfach. Doch die Strecke zehrt an dem 22- und dem 26-Jährigen. "Man stößt definitiv an physische Grenzen", resümiert Rauch - mittlerweile sitzt er wohlbehalten wieder an Mutters Esstisch in Pressath. "Ich hatte noch nie solche Durchblutungsstörungen." Nach einiger Zeit spürt Rauch seine Finger nicht mehr richtig, weil er den Lenker zu lange fest umklammert hat. Auch die Schmerzen im Po werden schlimmer. "Wir waren 150 Stunden auf dem Sattel, aber der Hintern gewöhnt sich nicht dran", erinnert er sich. Er bläst die Backen auf und presst die Luft zwischen den Lippen durch, als fühle er die Schmerzen noch immer.

Heute kann er über die Probleme schon wieder lachen, während der Reise zweifelt er kurz an seiner Idee. Die Strecke ist schließlich nicht ungefährlich. "Nachts auf einer schmalen Landstraße, wenn die 40-Tonner vorbeischießen und du nicht weißt, ob der Fahrer einen sieht", sei den Männern schon mulmig gewesen. "Ich bin froh, dass wir zu zweit waren. Da ist vieles einfacher."

Obwohl die Route oft an der Küste entlang verläuft, müssen die beiden Radfahrer Berge erklimmen. Dass es so steil werden würde, damit hat der Pressather nicht gerechnet: "Das Schlimme war: Wir sind einen Berg in drei Minuten mit 60 Kilometer pro Stunde runter und dann gleich den nächsten eine Stunde lang wieder hoch gestrampelt. Immer wieder." Die Hitze setzt Rauch zusätzlich zu. "Ich habe noch nie so geschwitzt", meint er. Neun platte Reifen wirft das Gespann in ihrem straffen Tagespensum immer wieder zurück. "An einem Tag waren es sogar zwei. Das sind Momente, in denen man denkt: Kein Bock mehr", erzählt er. Immer wieder muss Rauch absteigen, den Reifen flicken. "Das kostet alles Zeit und Nerv. Mit einer Minipumpe musste ich in die kaputten Reifen Luft rein pumpen", berichtet er. In Lyon kauft er sich schließlich zwei neue.

200 Kilometer geradelt


Besonders einen Tag vergisst Rauch nicht so schnell. Die Männer radeln einen Schotterweg entlang. Nach sechs Kilometern stehen sie erst vor einer Schlucht, dann vor einer schweren Entscheidung: Umdrehen und die sechs Kilometer zurück, oder über eine Eisenbahnbrücke über den Fluss? Die Männer beschließen, den Weg über die Gleise zu nehmen. Das hätten sie besser bleibenlassen sollen. Die Fahrräder legen sie an den Rand, um zu Fuß auszukundschaften, wo sie auf der anderen Seite wieder von der Brücke können. "Ich dreh mich um und sehe Lichter", erzählt Rauch. Die Lok hupt und hupt, dann muss sie bremsen. Die Männer hasten zu den Rädern und flüchten über die Böschung. "Der Lokführer hat geschimpft, dass das verboten ist. Wir sind im Eiltempo weiter, wir dachten, er ruft die Polizei." Sie haben Glück gehabt, passiert ist ihnen dabei nichts.





Immer wieder zeigt Rauch Fotos und Videos von der Reise, oder blättert in seinem Tagebuch. Seine Augen strahlen, wenn ihm eine kleine Anekdote dazu einfällt - wie zu Tag 16. 200 Kilometer stehen auf der To-do-Liste. "In der Früh um 4 Uhr klingelte der Wecker, es war stockdunkel, und ich hatte keine Lust, aus dem warmen Schlafplatz in die kalte Nacht zu starten", hat der 22-Jährige auf einer Seite seines Tagebuches notiert. "Die ersten Kilometer waren sehr zäh. Es ging die ganze Zeit nur steil bergauf und wieder bergab, so dass wir bei unserer ersten Pause bei Sonnenaufgang um 7 Uhr nur 30 Kilometer auf dem Tacho stehen hatten."

Wunderschöne Aussicht


Als der größte Teil der Tagesroute geschafft ist und nur noch 28 Kilometer bis zum Ziel bleiben, streiken auch noch Rauchs Beine. "Wir setzten uns nieder, meine Muskulatur kühlte sich ab und begann zu schmerzen. Es wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum laufen", schreibt er. Massieren und langsames Gehen helfen irgendwann.

Nachts um 1 Uhr kommen die Männer schließlich in einer Wohnung einer Bekannten in Bayonne an. Fast 24 Stunden sind sie da schon auf den Beinen. "Ich war mega happy", steht im Tagebuch über die ersehnte Ankunft im Ziel. Doch die Freude bleibt nicht lang. Die Wohnung im vierten Stock ist nur zu Fuß zu erreichen. Aufzug? Fehlanzeige. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so lange bis in den vierten Stock gebraucht habe."

Für die vielen Strapazen auf dem langen Weg werden die Männer aber immer wieder mit tollen Panoramen an der Atlantik-Küste entlohnt. Sie fühlen sich so frei wie noch nie. Weil sie nicht viel Geld ausgeben wollen, übernachten sie die meiste Zeit auf abenteuerlichen Plätzen: am Strand, im Garten eines reichen Mannes mit Blick auf die Pyrenäen, im stockdunkeln Wald, in einem verlassenen Haus. "Das war schon gruselig, wenn man nachts nur mit dem Taschenlampenschein durch die Räume wandert. Das hatte definitiv den typischen Horrorfilmcharakter. In der Früh sind wir dennoch lebend in Richtung Besancon gestartet", schreibt Rauch an Tag 3. Lebend erreichen die Männer nach 29 Tagen auch ihr Ziel im spanischen Santiago de Compostela. Tränen vor Erleichterung und des Stolzes begießen den Erfolg. "Die Ankunft war ein unglaubliches Gefühl", erinnert sich der Pressather. Vor der Kathedrale knipsen die Männer Siegerfotos mit dem Fahrrad. Seit der Reise steht es in einer Ecke. "Ich hatte noch keine Lust", gibt der 22-Jährige zu und grinst.


Wir waren 150 Stunden auf dem Sattel, aber der Hintern gewöhnt sich nicht dran.Johannes Rauch (22)
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