Kolumne OTon
Die Suche: Das Laster des Menschen

Vermischtes
Pressath
24.03.2016
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Wir Menschen sind ja meistens auf der Suche. Und wenn wir nicht das große Glück, Liebe und Zufriedenheit vermissen, dann zumindest Schlüssel, Handy oder Geldbeutel. Was auch nicht viel besser ist.

Meistens verschwinden wie von Geisterhand die Sachen von meinem Freund. Im Verdacht hat er dann entweder den Hauskobold oder mich. Zum Glück tauchen Schlüssel und Co. oft schnell wieder auf. Nicht so an einem Montag. Weil sein Geldbeutel keinen Stammplatz hat, sondern mal im Auto, mal auf dem Gefrierschrank, mal in der Küche liegt, dauerte es ein bisschen, bis wir es bemerkt hatten. Das Gezeter war groß und das Chaos im Haus dann noch größer. Vermisst wurde: ein brauner Ledergeldbeutel mit heller Naht. Weg seit gestern Nacht.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Wir durchwühlten den Kleiderschrank von oben nach unten und zurück, schauten in der Dreck-Wäsche nach, tasteten jede Ritze im Auto ab, beteten sogar zum Heiligen Antonius - eine Empfehlung der Schwiegermutter. Nichts. Der Geldbeutel blieb verschwunden und damit auch sämtliche Karten für die Bank, Versicherungen und um sich ausweisen zu können. Im Kopf ging mein Freund Schritt für Schritt den vergangenen Tag durch. "In der Arbeit hatte ich ihn noch. Auch beim Bäcker, weil ich dir einen Latte Macchiato mitbringen wollte. Ich hatte die 2,40 Euro schon in der Hand und dann war die Maschine kaputt", listet er auf.

Danach ist er ins Fitness-Studio gefahren - ohne Geldbeutel. Oder doch mit? Wir stiegen also ins Auto und fuhren zum Fitnessstudio. Aber auch da war nichts. Weil ja auch der Führerschein verschwunden war, besuchten wir gleich noch die Polizei. "Der taucht schon wieder auf", meinten die Beamten aus Erfahrung. Daran glaubte ich diesmal nicht mehr. Mein Freund schon.

Zu Hause erwartete uns ein riesen Saustall. Betrübt räumten wir alles wieder auf, was wir in unserer Verzweiflung vorher aus Schränken und Schubladen gerissen hatten. Die Mutter meines Freundes hatte sich inzwischen noch für den Abend angekündigt, im Gepäck frischgebackene Krapfen mit Hagebuttenmarmelade. Wenigstens ein Lichtblick an diesem Tag. Auf der Treppe lag noch ein riesen Stapel Altpapier. Und damit alles schön sauber für den Besuch war, brachte mein Freund noch den Berg Papier zum großen blauen Container vor dem Haus.

Zurück kam er aber nicht mit leeren Händen, sondern mit breitem Grinsen und seinem Geldbeutel. Wo er war? Im Container. Ganz unten. "Ich hab mir plötzlich gedacht, ich schau mal im Papier und zwischen den alten Zeitungen und Kartons blitzte ein Stück Leder mit Naht hervor", sagte er. Wie das Ding dort hin kommt, wissen wir bis heute nicht. Aber der Heilige Antonius hatte wohl doch geholfen - Gott sei Dank.
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