Einfühlsamer Liederabend in Wurz
Sehnsuchtsvoll klingender Gesang

Erst nach drei Zugaben durften James Baillieu (links) und Benjamin Appl die Bühne bei den Wurzer Sommerkonzerten verlassen. Bild: tie
Kultur
Püchersreuth
16.08.2016
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Von Reinhold Tietz

Wurz. Das Ambiente ist diesmal nicht wie üblich für die Wurzer Sommerkonzerte. Stühle im Pfarrhof - das kennt man. Jedoch steht der Flügel im Marstall. In diesem speziellen Sommer ist es zu riskant, ihn draußen hinzustellen. Und ein Steinway- Flügel ist nun einmal zu schwer, um ihn bei beginnendem Regen schnell unters Dach zu schieben. Die einschränkende Nachricht: Man sieht den Klavierspieler draußen nicht. Die gute Nachricht dagegen lautet: Man hört beide Musiker auch im Hof uneingeschränkt.

"Lied aus der Ferne"


Nicht zuletzt deshalb, weil der Gesang vom Bariton Benjamin Appl und das Klavierspiel von James Baillieu draußen sehr abgerundet miteinander ankommen. Und ein schön abgerundeter Ton ist bei Liedern des klassischen Komponisten Ludwig van Beethoven wie des romantischen Tonsetzers Franz Schubert sehr wichtig. Mit Liedern des erstgenannten beginnt der Abend. Das "Lied aus der Ferne" und "An die Geliebte" prägen den Anfang und werden folgerichtig gedanklich zusammengefügt im Zyklus "An die ferne Geliebte" op 98. Der ausgewogene Zusammenklang beider Musiker entspricht Beethovens Intention, Sehnsucht musikalisch zu erwecken.

Wie entscheidend diese besondere Stimmungslage ist, zeigt ganz programmatisch der Titel des Abends. Er lautet wie der Zyklustitel und soll zum Ausdruck bringen, dass die Sehnsucht des Menschen umso größer ist, je länger das geliebte Wesen ferne ist. Gemeinsamer Inhalt fast aller Lieder des Abends ist die ferne Geliebte, mit der sich das lyrische Ich verbunden fühlt. Jedoch weiß der Betroffene, dass er sich auf sie verlassen kann. So lebt er "in Lust nicht, doch in Frieden". Dass gerade Lieder dieser Thematik eine besondere Herausarbeitung der Stimmung verlangen, gelingt den beiden Musikern in hervorragender Weise. Nur selten gibt es Ausbrüche in plötzliches Forte. Stattdessen werden sehnsuchtsvoll wirkende Melodien stimmlich ausgedrückt und vom Klavier feinsinnig unterstützt. So läuft der erste Teil des Liederabends auf hohem Niveau ab. In der Pause wird ein Akustikwechsel vollzogen: Drinnen zu sitzen bietet mehr Stimmvolumen und der Flügel klingt differenzierter. Drei Lieder von Beethoven trägt der Sänger vor. Jetzt geht es zunächst nicht mehr um eine Geliebte, sondern um das menschliche Leben ganz allgemein. Erst im letzten Lied "Sehnsucht" taucht wieder eine "Holde" auf, auf die der Sänger fixiert ist.

"An den Mond"


Die folgenden fünf Lieder von Schubert sind überwiegend Zeitbetrachtungen. Das erste Lied ("Auf dem Wasser zu singen") bemerkt "es entschwindet die Zeit". Das zweite wendet sich "An den Mond", der dem Singenden helfen soll, über den Verlust seines Mädchens hinweg zu kommen. Beim dritten Lied ist das kein Thema. Es singt "Im bunten Erdentraume", also allgemein über das Leben. Eine "heilige Verbindung" wird im vierten Lied beschworen, womit das richtige Verstehen der Welt gemeint ist. Das letzte Lied vertieft diesen Gedanken, indem es sich bedankt: "Schön ist deine Welt, Vater!"

Der überzeugende Zusammenhalt von Wort und Ton gelang den Komponisten und gelingt den Ausführenden. Musik ohne Gesang ist abstrakt, aber Musik mit Gesang ist eben konkret, und Aufgabe von Interpreten ist es, genau diese Absicht vom Dichter und dem Vertonenden zu erfassen. Zu drei Zugaben lassen sich die Musiker durch den Beifall überzeugen, dann ist ein gelungener Liederabend zu Ende.
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