Slavische Klänge mit dem Kvarteto Martin
Wurzer Sommerkonzerte

Zum vierten Mal begeisterte das Martinu-Quartett das Publikum der Wurzer Sommerkonzerte. Bild: hbl
Kultur
Püchersreuth
08.08.2016
63
0

An Samstagen wie dem letzten möchte man nicht in der Haut der Verantwortlichen für Freiluftveranstaltungen stecken. Wie oft wohl hat die Initiatorin der Wurzer Sommerkonzerte, Dr. Rita Kielhorn, zum Himmel geblickt und um Eingebung gebeten: den Pfarrgarten bestuhlen oder den Marstall?

Wurz. Letztlich gaben die Musiker den Ausschlag: "Wir spielen im Freien! Gäste aus nah und fern, aus Berlin und Nordrhein-Westfalen füllten den Garten bis zum letzten Platz. Entfernungssieger ist sicher ein Cousin von Rita Kielhorn, der mehr als 13 000 Kilometer auf sich genommen hatte, um Wurz zu besuchen.

Streicher als Kerndisziplin


Von Anbeginn der Wurzer Sommerkonzerte gehört ein Streichquartett zu den Kerndisziplinen. Und so durfte das mit Preisen hochdekorierte Kvarteto Martinu bereits zum vierten Mal in Wurz begrüßt werden.

Die vier Musiker (die Dame am Violoncello sei besonders hervorgehoben) fanden in Haydns Streichquartett Nr. 3 g-Moll, op.20 schnell zu einer klanglichen Einheit. Die besonderen Gesetzmäßigkeiten einer Open-Air-Aufführung waren den Wurz-erprobten Musikern hörbar vertraut und so konnte man den tragfähigen und modulationsreichen Gesamtklang uneingeschränkt genießen. Op. 20 gehört zur Serie der (ganz zum Wetter passenden) "Sonnenquartette", die sowohl durch eine zum damaligen Zeitpunkt ungeahnte Vielfalt als auch durch teils erstaunliche Kühnheiten bestechen. Ob im zerklüfteten Kopfsatz mit seinen zahlreichen unbegleiteten Violinen-Soli oder im düsteren Menuett, immer behielt das Martinu-Quartett klanglich und formbildende Übersicht. Es war eine wahre Freude, wie sich die Musiker mit klarer Artikulation traumwandlerisch die "Bälle" zuspielten. Besonders das Cello durfte ausgedehnt mit virtuos musizierten solistischen Sechzehntel-Figurationen hervortreten.

Phänomen Schulhoff


Der geheime Favorit des Abends wurde aber trotzdem Ervin Schulhoff. Er gehört zu einer ganzen Generation hoffnungsvoller tschechisch-jüdischer Musiker, die samt und sonders durch den Holocaust ausgelöscht worden ist. War ihm noch 1924 mit den "Fünf Stücken für Streichquartett " in Salzburg der Durchbruch gelungen, endete 1942 im KZ Wülzburg sein Leben. Lubomír Havlák, Libor Kanka, Zbynek Padourek und Jitka Vlasánková durften in diesen kurzen Stücken erfolgreich alles an Können auffahren und setzten alle Schulhoffschen Vortragsbezeichnungen von "poco passionato" bis "tumultuoso" minutiös um - schlicht begeisternde Musik.

Der Klang der Heimat


Antonín Dvoráks Streichquartett E-Dur, op. 80 aus dessen mittlerer Schaffensperiode ist ungeachtet des ausufernd-romantischen Tonfalls eher durch den Trauerton des gesamten Werkes charakterisiert. Dvorak hatte - wie auch im "Stabat Mater" - den Tod dreier Kinder in kurzer Zeit zu verarbeiten. Ganz im Tonfall ihrer Heimat verwurzelt, gestalteten die vier Streicher dieses Quartett innig und stets mit dichtem Klang wie eine Sinfonie im Kleinen. Hervorzuheben ist dabei auch die rhythmische Prägnanz, die jede hemiolische Brechung zum Erlebnis werden ließ.

Eine Elegie als Zugabe


Mutig verweigerten die tschechischen Klangkünstler dem heftig applaudierenden Publikum den üblichen Rausschmeißer und stellten mit der Elegie von Schostakowitsch ein Kurz-Drama ungeahnten Ausmaßes in den Raum - von dunkler, tieftrauriger und hoffnungsloser Melancholie über den grimmig trotzigen Höhepunkt bis zum - trotz Dur-Klangs - seltsam offenen Schluss - es blieb nur sprachlose Begeisterung für diese großen Musiker.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.