Geschichte des Lagers Wiesau
Anlaufpunkt für 600 000 Vertriebene

Albert Busl zeigte anhand von Bilder die Größe und Gliederung des Lagers in Wiesau auf. Bild: lpp
Vermischtes
Pullenreuth
30.01.2016
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Das Lager in Wiesau war Thema auf dem Kulturbuan der Glasschleif, zu dem die Gesellschaft Steinwaldia Adalbert Busl eingeladen hatte. Laut dem Redner diente das Lager zuerst als "Grenzdurchgangslager" für die aus der Tschechoslowakei Ausgewiesenen.

Transport in Viehwaggons


Die Tschechen erfassten die deutschstämmige Bevölkerung und brachten sie per Eisenbahn, jeweils 40 Viehwaggons mit jeweils 30 Personen, in die amerikanisch besetzte Zone nach Furth im Wald oder nach Wiesau. Insgesamt seien es wohl fast 600 Transporte gewesen, meinte Busl. Der erste kam am 25. Februar 1946 an. Damals sei erst mit dem Bau des Lagers begonnen worden. Deshalb dienten Fabrikhallen im Tonwerk und in der Porzellanfabrik Wolfram als erste Notunterkunft. Pro Tag erreichte mindestens ein Zug den Ort, manchmal auch zwei oder drei.

Die Vertriebenen wurden dann registriert, medizinisch untersucht, entlaust und mit Nahrung versorgt. Dafür sorgten 70 Mitarbeiter des in Wiesau stationierten BRK-Sanitätszugs. Nach rund vier Stunden ging es in amerikanischen Viehwaggons, weiter zu Zielbahnhöfen in der amerikanisch besetzten Zone. In Wiesau blieben nur Menschen zurück, die krank waren oder auf Verwandte warteten. Im Lager wurden 68 Todesfälle registriert, weitere 20 sollen im Hilfskrankenhaus auf der Burg Falkenberg verstorben sein. Lagerseelsorger Pater Raymund Klofat beerdigte sie. Bis zum Ende der Ausweisung am 31. Oktober 1946 passierten auf diese Weise knapp 600 000 Vertriebene das Lager, das östlich der Bahnlinie im Bereich der heutigen Otto-Kärner-Straße stand. Es war etwa 330 Meter lang sowie 175 Meter breit und von einem Holzzaun mit zwei Lagertoren umgeben. Die Grundstücke waren gepachtet oder teilweise beschlagnahmt worden. Bis zu 450 Fach- und Hilfsarbeiter, oftmals Heimatvertriebene, waren mit dem Auf- und Ausbau beschäftigt. Mitte 1946 wurde das Lager fertiggestellt. Bis zu 2000 Flüchtlinge konnten in 30 Holzbaracken, untergebracht werden.

Als keine Transporte mehr kamen, hofften viele Betriebe, diese als Produktionswerkstätten nutzen zu dürfen. Es waren dies in der Hauptsache Vertriebene, die begonnen hatten, in Wiesau Betriebe neu auszubauen: Kärner, Kleiderfabrik, Fritzsche, Strumpffabrik, Kupke Textilhandel, dann Wiesauplast und viele Porzellanmanufakturen wie Kuba, Leitner, Dutz.

Allerdings wurde das Lager mit Flüchtlingen aus dem osteuropäischen Raum (Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutsche und Balkandeutsche) belegt, die keine Wohnungen gefunden hatten. Nun wurde es zum Wohnlager, dem "Grenzlager", mit maximal 1500 Bewohnern. Es begann, sich ein "normales" Leben zu entwickeln. Die Leute fanden Arbeit in den neu entstehenden Betrieben und in Orten der Nachbarschaft.

Wegen Überfüllung des Schulhauses entstand eine Schulbaracke, ebenso ein Kindergarten. Für die Ordnung sorgte die Lagerpolizei. Die Lebensverhältnisse waren eingeengt und eingeschränkt, vor allem, was die sanitären Verhältnisse betraf. Wenn sich die Möglichkeit bot, bezogen die Lagerbewohner deshalb Neubauten, die in Wiesau ab 1950 in großem Umfang errichtet wurden.

Ende kommt 1952


1952 konnte das Lager aufgelöst werden. Heute sieht man davon nichts mehr. Das Gelände ist zum großen Teil überbaut von Fabrikhallen. Nur noch ein Gedenkstein vor dem Bahnhof erinnert daran, dass vor 70 Jahren für Hundertausende Wiesau der erste Anlaufpunkt in Deutschland war. Norbert Reger, der Vorsitzende von Steinwaldia, dankte dem Redner für seine Ausführungen, die in diesen Tagen äußerst aktuell wirkten.
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