Missbrauchsskandal bei den Domspatzen
Gibt es eine Zukunft für die Prügelknaben?

Domspatzen in "Jungvolk"-Uniformen auf dem Obersalzberg nach einem Konzert für den "Führer" 1938: (vorne von links) Reichsminister Bernhard Rust, Adolf Hitler, Theobald Schrems und Martin Miederer. Bild: Wikipedia/CC
Politik
Regensburg in der Oberpfalz
02.02.2016
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Ich war sieben Jahre bei den Domspatzen und brauchte 14 Jahre, um die Erlebnisse wieder loszuwerden.

Für die einen war das Internat ein Ort des Terrors, für die anderen eine prägende Schule des Lebens. Wie können die Erfahrungen der Domspatzen so weit auseinanderklaffen? In einem Kuratorium gehen jetzt Bistum und Opfer aufeinander zu.

Co-Autor: Dominik Konrad

Weiden/Regensburg. Die Fakten liegen auf dem Tisch. An den Zahlen, die Rechtsanwalt Ulrich Weber vorgelegt hat, kommt keiner vorbei: Nach seinen Hochrechnungen sollen zwischen 1953 und 1992 etwa 700 Buben im Etterzhausener Internat oder im Regensburger Gymnasium der Domspatzen körperlich oder psychisch misshandelt worden sein. Weber hält auch rund die Hälfte der 67 vorliegenden Vorwürfe sexuellen Missbrauchs für "höchstplausibel".

Die Offenheit, die der vom Bistum beauftragte Aufklärer bei seiner ersten Pressekonferenz an den Tag legte, hat Michael Sieber, Sprecher der Missbrauchsopfer, überrascht: "Herr Weber scheint integer und in der Sache kompetent zu sein." Die Zahlen des Weidener Juristen hält er dennoch für zu niedrig: "In meiner Internatszeit in den 60ern sind keine zehn Prozent ohne körperliche Strafe davongekommen." Viele hätten ihr Trauma tief in sich vergraben. Die Gruppe der Missbrauchsopfer, die sich im Juni 2010 erstmals in einem kleinen Kreis traf, sei dennoch beständig angewachsen. Am Montag kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Opfern und Verantwortlichen aufseiten der Kirche: Ein Beratungskuratorium mit sechs Opfervertretern, dem Bischof, Generalvikar Michael Fuchs, vier Mitgliedern des Stiftungsvorstands des Chors und zwei Mediatoren versuchten unter Leitung von Rechtsanwalt Weber Lösungen auszuloten. Um mögliche Kompromisse nicht zu konterkarieren, wurde Stillschweigen vereinbart. Nur so viel: Die Gespräche verliefen konstruktiv und zielführend, erklärt Weber.

Szenenwechsel: "Die Berichterstattung über die Domspatzen finde ich einfach unfair", ärgert sich Karl Unterstein, selbst Domspatz von 1940 bis 1944. Deutschlands ältester Knabenchor werde nur noch in einem Atemzug mit Missbrauch erwähnt. Die Leistung des Internats gehe vollkommen unter. "Das haben die Domspatzen nicht verdient", sagt er. Erst vor kurzem habe er das Weihnachtskonzert besucht und sei hin und weg gewesen. Weltklasse kommt nicht von ungefähr.

Sekundärtugenden gelernt


Strenge Zucht im Dienst einer guten Sache? "Die Zeit bei den Domspatzen lehrte mich Pünktlichkeit, Disziplin, Sorgfalt, Rücksichtnahme, Durchhaltevermögen und Verständnis für mein fast 40-jähriges Berufsleben", sagt der diplomierte Maschinenbauer aus Weiden. "Watschen, Kopfnüsse und Ohrenziehen waren zwar Alltag." Als "Gewalt" würde er diese körperlichen Züchtigungen aber nicht beschreiben. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand geprügelt wurde", sagt er.

Eine Watschen hat noch keinem geschadet? Michael Sieber ordnet Untersteins Empfinden in die Verhältnisse des Zweiten Weltkriegs ein: "Da hatte er es bei den Domspatzen wahrscheinlich besser, als irgendwo anders in diesem Land." In allen NS-Organisationen, wie Hitlerjugend oder bei den Flakhelfern, sei Gewalt an der Tagesordnung gewesen. Im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung sei Hitlers Elitechor unter Leitung von Domkapellmeister Theobald Schrems gut versorgt gewesen. Dass "die alltäglichen Ohrfeigen" allerdings notwendig waren, um junge Menschen zu Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit zu erziehen, hält er für eine Legende. "Man kann diese Sekundärtugenden auch mit guten Argumenten vermitteln."

Zu sagen, "da sei mal einem die Hand ausgerutscht", sei grob verharmlosend: "70 Dritt- und Viertklässler mussten zweimal am Tag in Reih und Glied antreten", erinnert er sich an das pseudomilitärische Zeremoniell. "Ich kann warten", habe der damalige Direktor Johann Meier gesagt, wenn noch die kleinste Unruhe war. "Wenn ihm was nicht gepasst hat, hat er den Kopf so zurechtgerückt, dann gab's eine Watschen, dass die Jungs in die Knie gingen - wenn einer weggezuckt ist, wurde richtig geprügelt."

Karl Unterstein hält solche Erinnerungen für Nestbeschmutzung von "Weicheiern". Ihm selber habe die strenge Ordnung für seinen späteren Beruf geholfen. "Es gab dort einen Zeitplan von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends", sagt er. "Da lernte man Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und die Konsequenz, Dinge durchzuziehen." Als Chefingenieur für die Union-Brauerei in Dortmund habe er die erworbene Präzision genutzt. Durchsetzungsvermögen brauchte er in seiner Tätigkeit für Löwenbräu.

Seit gut 20 Jahren ist Unterstein Fördermitglied der Sängerknaben. Die Unterstützung der Domspatzen beenden? Kam für ihn nie in Frage. "Ich unterstütze die Domspatzen, weil es ein toller Chor ist."

Zukunft für die Spatzen?


Michael Sieber kann bis heute kein Konzert der Domspatzen genießen: "Ich müsste darüber nachdenken, was bei diesen Jungs wieder alles schieflaufen könnte." Psychischer Druck sei nach wie vor gang und gäbe." Reihenweise wendeten sich Eltern an ihn, die ihre Kinder aus dem Internat nähmen. "Als mir ein Junge seine Geschichte schilderte, sagte ich ihm: Du erzählst meine Geschichte von vor 45 Jahren. Systematisch hat sich nicht viel geändert."

Nur wenn das Beratungskuratorium des Bistums zu einer schonungslosen Aufarbeitung wie in Kloster Ettal bereit sei, sehe er eine Chance für die Zukunft der Domspatzen: "Wir haben alle zusammen jetzt schon mehr als 200 000 Euro investiert", sagt er. Ihn interessierten die angebotenen 2500 Euro als finanzielle Wiedergutmachung nicht. "Ich werde, wenn nötig, alle privaten Mittel aufwenden, um so viel Wahrheit wie möglich ans Licht zu befördern."

Ich war sieben Jahre bei den Domspatzen und brauchte 14 Jahre, um die Erlebnisse wieder loszuwerden.Michael Sieber, Opfervertreter


Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/domspatzen

Internatsexperte: Gewalt wahrscheinlicher als in öffentlichen SchulenDer evangelische Pfarrer Peter Giersiepen hat den Alltag an Internaten aus vielen verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Unter anderem war er acht Jahre Internatsleiter der kirchlichen Internatsschule Schloss Gaienhofen am Bodensee. Als unabhängiger Berater hilft er heute Eltern bei der Wahl des richtigen Internats.

Im Internat sei es wahrscheinlicher als in regulären Schulen, mit Gewalt konfrontiert zu werden. "Die Abhängigkeiten gegenüber Tutoren, Hausleitern und älteren Schülern sind völlig anders als in der ,freien Prärie'." Diese könnten enorm viel Macht ausüben. Es gebe sogenannte Taufrituale, man müsse sich oft hochdienen. Wenn dann noch die erwachsenen Leiter selbst ein unreifes Verhältnis zu Macht und Autorität hätten, werde es mehr als kritisch: "Sie nutzen die Kinder dann um eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Es gibt Menschen, die gezielt in solche Bereiche der Gesellschaft gehen, um dort ,wer zu sein' und Grenzen zu überschreiten."

Dass Gewalt und Missbrauch oft lange nicht ans Licht kämen, liege an einem Mechanismus, den Giersiepen so erklärt: Werden Kinder vor den Augen der Anderen schikaniert, werde das hingenommen. "Das nimmt man unter Gleichaltrigen nicht als Problem wahr", erklärt er. Präge sich im späteren Leben das ethische Bewusstsein aus, blickten die Erwachsenen zurück und müssten sich eingestehen: Das war falsch. Nur selten versuchten die Betroffenen das weit zurückliegende Unrecht zu klären. "Die Vertuschung erfolgt aus Scham", sagt er. "Würde bekannt, dass ich sexuellen Missbrauch oder Demütigungen mitbekam, müsste ich mich entschuldigen. Als Opfer müsste ich mich öffentlich bekennen. Ich schütze mich selbst. Meine ganze Lebensgeschichte steht auf dem Spiel."

Gewalt sei auch heute noch ein Problem in manchen Häusern. Giersiepen wisse von Internaten, in denen in den letzten fünf Jahren Gewalt durch Mitschüler oder Pädagogen ausgeübt wurde. "Das wird immer gedeckt", sagt der Internatsexperte. "Da muss mehr gemacht werden, zum Beispiel eine nicht-kirchliche Ombudsstelle." (dok)

Weitere Informationen:

www.intern-at.de
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