Behindertenbeauftragte der Bundesregierung beim "45. Regensburger Gespräch": "Gemeinsames ...
Umgang mit Behinderten sollte Alltag sein

Verena Bentele, Bundes-Behindertenbeauftragte und zwölffache Paralympics-Gewinnerin. Bild: gib
Archiv
Regensburg
24.11.2014
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"In den Köpfen muss sich etwas ändern." Das betonte Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung im Salzstadel immer wieder. Ihr Ziel: Dass die Einbeziehung behinderter Menschen im Alltag selbstverständlich wird. Bentele, von Geburt an blind, ist selbst mit allen anderen Kindern in einen Dorf-Kindergarten am Bodensee gegangen. "Die Kindergärtnerinnen haben gesagt, das probieren wir mal - und es klappte." Genau diese Einstellung ist es, die sich die ehemalige Biathletin - sie gewann zwölf Goldmedaillen bei Paralympischen Winterspielen - für Gesamt-Deutschland wünscht. "Wir brauchen ein gemeinsames Aufwachsen von Menschen mit und ohne Behinderung", sagte sie. Denn die miteinander spielenden Kinder würden zu den Chefs und Arbeitnehmern der Zukunft heranwachsen.

Jemand, für den der Umgang mit Behinderten Alltag ist, würde auch leichter einen Menschen mit Handicap in seiner Firma einstellen, ist Bentele überzeugt. Und dass Behinderte - je nach Fähigkeit - in der Arbeitswelt eine Rolle spielen, ist ihr wichtig. "Wir müssen nicht immer nur sehen, dass behinderte Menschen Förderung brauchen, sondern dass sie auch einen Beitrag leisten wollen für die Gesellschaft, am Arbeitsplatz oder im Ehrenamt."

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hatte Bentele als Referentin zum 45. "Regensburger Gespräch" eingeladen. Thema war die UN-Behindertenkonvention, die vor fünf Jahren in Deutschland in Kraft trat. Das Vertragswerk pocht auf das Recht auf Selbstbestimmung, Teilhabe und umfassenden Diskriminierungsschutz - durch eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft.

Bahnhöfe kaum barrierefrei

Dass es gerade baulich noch große Hürden in Deutschland gibt, wurde bei der Veranstaltung schnell klar. Florian Pronold (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, bezeichnete die mangelnde Barrierefreiheit auf bayerischen Bahnhöfen als Katastrophe. Das Problem betreffe nicht nur Behinderte, sondern auch Ältere und Eltern mit Kinderwagen. Auch gebe es zu wenig barrierefreien Wohnraum. Gerade für Mieter mit weniger Geld werde es zum Problem, wenn die Wohnung barrierefrei umgebaut wird - dann aber nicht mehr bezahlbar ist. Pronold überraschte mit dem Vorschlag, robuste und einfache "Volkslifte" zu entwickeln, die in gängigen Gebäudetypen eingebaut werden können und weniger Kosten verursachen.

Bentele regte an, bei allen Maßnahmen behinderte Menschen einzubeziehen. "Sie haben die Expertise, was Barrierefreiheit angeht." Sie forderte die Menschen mit Handicap auf, sich in politische Gremien einzubringen, sich aufstellen und wählen zu lassen - um mitreden zu können.

Keine Rücklagen

Ein wichtiges Anliegen ist Bentele, dass staatliche Leistungen für Behinderte unabhängig von Einkommens- und Vermögensgrenzen bezahlt werden. Bislang dürfen Menschen mit Behinderung, die einen hohen Assistenzbedarf haben, nur 2600 Euro auf dem Konto haben. "Sie können keine Rücklagen bilden, nicht für ein Auto oder einen Urlaub sparen."

Die Veranstaltung im Salzstadel war zugleich Jubiläumsfeier für das FES-Regionalbüro in Regensburg, das seit 35 Jahren besteht. Büroleiter Harald Zintl und dessen Mitarbeiter würden eine für eine lebendige Demokratie unverzichtbare politische Bildungsarbeit leisten, betonten Pronold und Regensburgs OB Joachim Wolbergs in ihren Grußworten.
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