Botox vom falschen Arzt

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Regensburg
19.05.2015
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In eineinhalb Jahren hat ein 31-Jähriger Dutzende Schönheitsoperationen vorgenommen. Das hätte er nicht dürfen: Er war weder Arzt noch hatte er einen Doktortitel. Seit Montag muss er sich vor dem Landgericht Regensburg verantworten.

Dem 31-Jährigen aus dem nördlichen Landkreis Regensburg legt die Staatsanwaltschaft gefährliche Körperverletzung, Betrug sowie Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen in 110 Fällen zur Last. Zum Prozessauftakt legte der Mann, der nie einen Beruf erlernt hat, ein Geständnis ab.

Der Angeklagte trat mit einem öffentlich Facebook-Profil als plastischer Chirurg auf und veröffentlichte Bilder seiner Regensburger Praxis, auf denen auch Approbationsurkunden erkennbar waren, und Fotos von "Patientenbeispielen" sowie Links auf Youtube-Videos von Behandlungen. Dabei täuschte er vor, promovierter Arzt zu sein und als solcher auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie insbesondere im Bereich der Schönheitsmedizin tätig sein. Bei entsprechenden Nachfragen legte er den Patienten als Nachweis gefälschte Approbationsurkunden vor.

Über 63 200 Euro verdient

Im Zuge der Ermittlungen fand die Kripo 56 weibliche und männliche Patienten. An ihnen nahm er 110 Eingriffe vor - teils in seinen Regensburger "Praxisräumen", teils auch in den Wohnungen der Betroffenen. Überwiegend handelte es sich nach Erkenntnissen der Ermittler dabei um Gesichtskorrekturen, die er nach vorheriger örtlicher Betäubung mit Silikon durchführte. Dabei arbeitete er in einigen Fällen auch mit Kortison und Botox. Nach den Feststellungen der Staatsanwaltschaft hat der Mann damit mehr als 63 200 Euro verdient.

Nach einem Rechtsgespräch wurde dem Angeklagten im Fall eines Geständnisses eine Freiheitsstrafe zwischen vier und fünf Jahren in Aussicht gestellt. In seiner anschließenden fast zweistündigen Erklärung berichtete der Angeklagte, dass er seit seiner Jugend an einer Gesichtsphobie leide und deshalb bis 2012 völlig isoliert gelebt habe. In dieser Zeit habe er seinen Eltern vorgespiegelt, dass er studieren würde. Weil er in ständiger Angst lebte, sein Gesicht sei entstellt, habe er sich selbst operieren lassen.

Über einen Internet-Chat habe er Kontakt zu Leidensgenossen gehalten. Hierdurch habe er auch eine bundesweit bekannte Transvestitin kennen gelernt. Nachdem er dieser die Oberlippe mit Silikon aufgespritzt und Botox in die Stirn injiziert hatte, sei diese "sehr zufrieden" gewesen und habe Werbung für ihn gemacht. "Das hat bei mir tolle Gefühl ausgelöst", sagte er.

Werbung im Internet

Anfangs habe er sich nur das Material und die Fahrtkosten ersetzen lassen, später wurden seine Forderungen zwar höher, seien aber deutlich unter den Honoraren der niedergelassenen Ärzte geblieben. Auch habe er von da an als approbierter Arzt ausgegeben. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er richtig Geld verdient. Schließlich habe er beschlossen, sich in Regensburg eine eigene Wohnung zu nehmen und in dieser eine Praxis einzurichten. Ab diesem Zeitpunkt habe er auch Werbung im Internet betrieben.

Erst als eine besorgte Mutter aus Österreich die Behörden einschaltete, wurden die Behörden auf den 31-Jährigen aufmerksam. Seit knapp neun Monaten befindet sich der Angeklagte in Untersuchungshaft. Der Prozess wird fortgesetzt.
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