Computer zieht Rückschlüsse auf die Persönlichkeit - Sprachsoftware aus Regensburg
Software blickt in die Seele

Thomas Wölfl arbeitet an der Entwicklung einer Sprachsoftware mit, die einen Einblick in die psychische Verfassung eines Menschen geben kann. Dafür ist nicht wichtig, was die Person sagt, sondern wie sie ihre Sätze baut. Bild: gib
Archiv
Regensburg
07.01.2015
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Ein Computer stellt Fragen und kann aufgrund der Antworten Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen ziehen. Was abenteuerlich klingt, macht eine von Regensburger Forschern mitentwickelte Sprachsoftware bereits heute möglich. Krankenkassen und Personalentwickler sind interessiert.

Wenn Thomas Wölfl an seinem Laptop sitzt, sieht das wenig spektakulär aus. Doch was auf seinem PC passiert, hat es in sich: Der Wirtschaftsinformatik-Professor der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg arbeitet an der Entwicklung einer Sprachsoftware mit, die einen Einblick in die psychische Verfassung eines Menschen geben kann. Das Erstaunliche: Dafür ist nicht wichtig, was die Person sagt, sondern wie sie Sätze baut und welche Wörter sie benutzt.

Inhalte zählen nicht

"Das System interessiert nicht, was Sie inhaltlich sagen. Es will wissen, ob Sie lange oder kurze Sätze bilden, mit Nebensätzen oder ohne, wie Sie Wörter wiederholen und kombinieren", erklärt Wölfl. "Dadurch versucht es zu erkennen, ob Ihnen eine bestimmte psychologische Eigenschaft zugeordnet werden kann." Wie genau die Zusammenhänge funktionieren, weiß nicht einmal Wölfl selbst. Das System beruht darauf, dass ein Computer lernt wie ein Mensch. Die Software wurde dafür massenhaft mit Beispieltexten gefüttert. Bei den Texten handelte es sich um aufgezeichnete Interviews, in denen Personen am Telefon einen Fragenkatalog beantworteten. Die Personen, die bewusst und freiwillig an dem Projekt teilnahmen, wurden aufgrund der Texte und weiterer Aspekte, die über sie bekannt waren, von Psychologen kategorisiert, etwa als "extrovertiert".

"Der Schatz der Firma"

Was die Teilnehmer auf die Fragen - etwa "Was machen Sie am Sonntagvormittag?" - antworteten, spielte keine Rolle. Es ging allein darum, die verwendeten Worte, Sätze, Satzstrukturen aufzuzeichnen. Wie viele Beispieltexte die Aachener Firma Psyware, die die Sprachsoftware vertreibt, gesammelt hat, darf Professor Wölfl nicht sagen. "Das ist der Schatz der Firma."

Interessiert an diesem Schatz sind unter anderem Krankenkassen und Personalentwickler. Eine Krankenkasse bietet mittels der Sprachsoftware bereits einen Selbsttest am Telefon an: Dafür beantwortet das Krankenkassen-Mitglied einer Computerstimme anonym eine Reihe von Fragen. Daraufhin wertet die Sprachsoftware aus, ob etwa eine Burnout-Gefahr besteht.

Professor Wölfl ist bewusst, dass es hier um ein "einigermaßen sensibles Thema" geht. Der rechtliche Rahmen müsse stets eingehalten werden, niemand dürfe ohne sein Wissen mit der Psyware psychologisch durchleuchtet werden, betont er. Im Personalbereich könne die Software eingesetzt werden, um die psychologische Eignung eines Bewerbers für eine bestimmte Stelle zu testen. "Das kann ein weiterer Aspekt in einem Recruiting-Prozess sein."

Der Beitrag der Regensburger Forscher liegt darin, die Sprachsoftware noch genauer zu gestalten. Bislang ist die Erkennungsleistung noch recht grob. So gibt sie zum Beispiel an, ob eine Tendenz zu einer Depression vorliegt. Wölfl entwickelt zusammen mit einem Mitarbeiter eine Art Schulnotensystem, das die Tendenz auf einer Skala einstuft. Dafür versuchen die Forscher, weitere Merkmale wie die Sprechgeschwindigkeit oder die Verwendung von Adjektiven aus den Texten zu extrahieren und Muster zu finden.

Verhalten eines Fahrers

Die Firma Psyware war über eine Empfehlung auf die Regensburger OTH-Forscher gestoßen. Wölfl und sein Team führen im Bereich der künstlichen Intelligenz Forschungsaufträge für mehrere Unternehmen aus. Beim "maschinellen Lernen" handelt sich um eine ganz spezielle, kleine Ecke in der Wissenschaft, die aber immer wichtiger wird. So arbeiten die OTH-Forscher etwa auch für die Automobilindustrie an künstlich intelligenten Systemen, die das Verhalten eines Fahrers vorhersagen: Das Auto lernt den Fahrstil kennen und stellt seine Energiesituation darauf ein - damit kann zum Beispiel die Batterieleistung eines Elektrofahrzeugs verlängert werden.
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