Führungszeugnispflicht für Ehrenamtliche in der Jugendarbeit: Oberpfälzer will als ...
Das "Regensburger Modell" soll Schule machen

Karl Mooser, Leiter des Kreisjugendamts Regensburg. Bild: privat
Archiv
Regensburg
30.01.2015
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Was das Ziel angeht, sind sich alle einig: Minderjährige sollen davor bewahrt werden, Opfer von sexuellen Straftaten zu werden. Dem 2012 eingeführten Bundeskinderschutzgesetz zufolge müssen deshalb Ehrenamtliche, die mit Kindern oder Jugendlichen zu tun haben, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Bei vielen Vereinen sorgt die Regelung jedoch für Unsicherheit: Vereinsvorsitzende kritisieren ein Mehr an Bürokratie, Ehrenamtliche fühlen sich unter Generalverdacht gestellt.

Praktische Lösungsansätze bietet das "Regensburger Modell", das mittlerweile viele Landkreise und Städte übernommen haben. Der Mann hinter dem Modell ist Karl Mooser, Leiter des Kreisjugendamts Regensburg. Am kommenden Montag, 14 Uhr, wird er als Sachverständiger bei einer Anhörung im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages weitere Verbesserungsvorschläge machen. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Herr Mooser, verstehen Sie, dass einige Vereinsvorsitzende Vorbehalte haben, Führungszeugnisse von Ehrenamtlichen einzutreiben?

Karl Mooser: Ich bin selbst in Vereinen tätig und habe allergrößtes Verständnis für die Bedenken der Vorsitzenden, die sowieso viel Bürokratie mitmachen müssen. Außerdem würde ich es mir als Vereinsvorsitzender auch nicht zumuten wollen, in die Führungszeugnisse der Ehrenamtlichen Einsicht zu nehmen. Deshalb haben wir einen anderen Weg gefunden.

Das "Regensburger Modell" ist mittlerweile Vorbild für viele andere Landkreise und Städte geworden. Wie funktioniert es?

Mooser: Bei uns gibt der Ehrenamtliche nicht dem Vereinsvorsitzenden Einblick in das erweiterte Führungszeugnis. Er kann zu irgendeiner Gemeinde gehen - das muss nicht seine Heimatgemeinde sein - und lässt dort Einsicht in sein Führungszeugnis nehmen. Die dortige Amtsperson stellt eine sogenannte Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. Darin steht, dass bei der betreffenden Person kein Tätigkeitsausschluss nach Paragraf 72a vorliegt. Vereinfacht heißt das, die Person hat sich in puncto sexueller Missbrauch, Misshandlung und Verletzung der Fürsorgepflicht nichts zuschulden kommen lassen.

Was sind die Vorteile?

Mooser: Das erweiterte Führungszeugnis ist ein sehr sensibles Dokument, in dem unter anderem Verkehrs- oder Steuerdelikte aufgeführt sind. Der Ehrenamtliche hat ein berechtigtes Interesse, dass er dem Vereinsvorsitzenden darin keine Einsicht gewähren muss. Ein Führerscheinentzug oder ein Steuerdelikt tun bei der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen nichts zur Sache.

Wie haben Sie Vereine und Gemeinden in Ihrem Landkreis von dem Modell überzeugt?

Mooser: Ich war in 40 Gemeinden und habe in jedem Verein, der das wollte, in öffentlichen Veranstaltungen die Absicht des Gesetzes erklärt. Dabei habe ich immer darauf hingewiesen, dass es einen Verein in der Regel zerlegt, wenn Vorwürfe sexuellen Missbrauchs auftauchen. Die Führungszeugnispflicht kann Straftaten nicht ausschließen, ist aber zumindest eine hilfreiche Kontrolle für den Vereinsvorsitzenden.

Manche Ehrenamtliche fühlen sich unter Generalverdacht gestellt.

Mooser: Diesem Argument habe ich bei den Informationsveranstaltungen relativ wenig Zeit gegeben. Ich habe vielmehr erklärt, wie ein pädophiler Täter vorgeht. Der Kriminalstatistik zufolge kennt das Kind in 94 Prozent der Fälle seinen Peiniger, zu 24 Prozent kommt der Täter aus dem Vertrautenkreis von Trainern, Jugendwarten oder ähnlichen Positionen. Der Laie kann sich oft gar nicht vorstellen, was mit Kindern passiert. Viele Ehrenamtliche haben danach gesagt: "Wenn man nur einen Fall verhindern kann, ist es den Aufwand wert."

Am Montag sind Sie geladener Sachverständiger bei einer Anhörung zum Thema "Erweitertes Führungszeugnis für Ehrenamtliche" im Bundestag. Welche Aspekte wollen Sie einbringen?

Mooser: Das Bundesamt für Justiz soll nicht ein erweitertes Führungszeugnis ausstellen, sondern eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, so wie sie der Landkreis Regensburg verwendet. Jeder soll diese Bescheinigung selbst anfordern können, damit wäre ein hoher Verwaltungsaufwand abgebaut. Der Vereinsvorsitzende muss die Bescheinigung archivieren dürfen. Geklärt werden muss auch der grenzüberschreitende Bereich der Jugendbetreuung: Was ist erforderlich, wenn in Cham ein tschechischer Trainer Tennis unterrichtet?

Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Vorschlägen auf offene Ohren stoßen?

Mooser: Ich bin zuversichtlich, dass meine Vorschläge Gehör finden, vor allem, weil ich das Ziel des Gesetzes nicht einschränken, sondern nur den Vollzug ändern will. Ich habe den Eindruck, dass der Gesetzgeber an einer einvernehmlichen Lösung sehr interessiert ist, man will ja keine Ehrenamtlichen verlieren. Ich weiß, wie viel Zeit und Geld die Vereine in der Jugendarbeit aufwenden. Es wäre schade, wenn hier durch eine gut gemeinte Regelung etwas kaputt gemacht wird.
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