Hotline gegen Kirchenaustritt

Werben um den Wiedereintritt in die Kirche: Regionaldekan Manfred Striegl (links) setzt mit seinem Programm im Exerzitienhaus Johannisthal auf den Erfahrungen von Pfarrer Johann Ammer auf. Bild: Herda
Archiv
Regensburg
29.10.2015
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Gut 7000 Katholiken traten 2014 im Bistum Regensburg aus der Kirche aus. "Mir ist das zu wenig, nur jedes Mal unser Bedauern auszudrücken", sagt Pfarrer Johann Ammer. "Man muss dann auch mal den Kopf hinhalten" - mit einer Hotline für Zweifler.

Die Zahlen sind kein Erdrutsch: Von den knapp 1,2 Millionen Katholiken im Bistum wandten 2014 0,59 Prozent ihrer Kirche den Rücken zu. Aber auch diese allmähliche Erosion stimmt die Verantwortlichen nachdenklich. Jedes gute Rezept beginnt mit einer gründlichen Untersuchung. Was liegt näher, als die "Experten" zu befragen - jene Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, beim Standesamt ihren Austritt zu erklären oder diesen Schritt bereits absolviert haben?

Jedoch: "Wir stellen fest, dass es eine Hemmschwelle gibt, zum eigenen Pfarrer zu gehen", erklärt Ammer, warum er sich als Gesicht für die Aktion "Wiedereintritt" zur Verfügung stellte. Der Sekretär des Priesterrats war im Sommer ein begehrter Mann: "Rund 220 Anrufe im Juli sind nicht gerade üblich." Themen, die vielen auf den Nägeln brannten:

Was macht die Kirche mit meinem Geld? Die Verwendung der Kirchensteuer war ein häufiges Einstiegsthema. "Einige sagten, sie würden gerne mehr mitreden, und nicht nur über eine allgemeine Haushaltserklärung informiert werden", sagt Ammer.

Auch die Familiensynode war Gesprächsstoff: "Es gab Geschiedene, die sagten, ,ich würde ja gerne bei euch mitmachen, aber bin ich noch ernst genommen?'" Ammer habe im Gespräch deutlich machen können: "Die Position der Kirche ist ja nicht, sie will euch nicht - die Hoffnung auf die Synode ist groß."

"Wo treffe ich den Pfarrer heute noch als Seelsorger?", wollten andere wissen. Früher, sagt Ammer, sei der Geistliche im Dorf sichtbar gewesen. Heute würde er eher als Administrator der Pfarrei oder auch als "Zierrahmen" für Veranstaltungen wahrgenommen. Man müsse darüber nachdenken, wie der Pfarrer Menschen, die zweifelten, wieder im Glauben bestärken könne.

Auch wenn das ausdrücklich nicht das Ziel der Aktion gewesen sei: In einem Fall sei ein Anrufer wieder in die Kirche eingetreten. "Es ist ermutigend, dass die Kirche Gesicht zeigt", habe dieser gelobt. Die Mehrheit der Anrufer habe den Ausstieg noch nicht vollzogen, aber bereits eine distanzierte Haltung zur Kirche.

Neben einigen Jüngeren hat Ammer einen großen Block von Menschen um die 50 registriert, deren Kinder aus dem Haus seien und die nun eine gewisse Leere verspürten. Nicht unerheblich sei auch die Gruppe ältere Leute gewesen, die einen Gesprächspartner gesucht hätten. "Ich habe die Ergebnisse bereits zusammengestellt", sagt der Seelsorger. "Wir werden sie noch auswerten und die Schlussfolgerungen mit dem Bischof besprechen."

Darauf kann Regionaldekan Manfred Striegl aufsetzen. Der Leiter des Exerzitienhauses Johannisthal bei Windischeschenbach (Kreis Neustadt/WN) richtet sich mit seinem Angebot schon länger auch an Menschen, die an ihrem Glauben zweifeln. Mit dem Seminar "Tief im Innern trotzdem ein gläubiger Christ - Kirchenaustritt und persönliche Gottesbeziehung" möchte er diesen ein zusätzliches Gesprächsangebot unterbreiten.

Ausgetretene ernst nehmen

Ich habe als Pfarrer immer die Ausgetretenen nach einer gewissen Karenzzeit angeschrieben", schildert Striegl seine Erfahrungen. "Und hatte einen großen Rücklauf." Es hätte ihn fasziniert, wie Menschen, die ihm ihren Glaubensweg schilderten, ihr Leben angingen. "Ich war auch traurig, dass sie das außerhalb der Kirche tun, aber das Gespräch war nicht dazu da, sie zurückzuholen, sondern um sie ernst zu nehmen."

Türen und Herzen seien in Johannisthal immer offen, weshalb es nicht selten zu bewegenden Gesprächen komme: "Wir hatten schon mehrere Hochzeiten im Haus", erzählt Striegl. "Wir kamen ins Gespräch, weil einige Gäste der Braut ausgetreten waren - man merkt oft, Menschen, die ihren Glauben verloren haben, hatten ein Schlüsselerlebnis - einen Schicksalsschlag."

Das Symbol der Jakobsleiter spiele in der Programmatik des Exerzitienhauses wie auch in der Architektur der renommierten Brüder Brückner aus Tirschenreuth eine prägende Rolle: "Wir leben die Geschichte von Jakob, der seinen Bruder ums Erstgeborenenrecht betrogen hat und Brüche im Leben kennt - Gott gibt ihm oben auf der Leiter dennoch die Zusage, ,Ich bin bei dir'." Wenn seine Gäste unabhängig von ihrem persönlichen Glauben spürten, "hier wirkt Gott in der Kapelle, der guten Gemeinschaft und der Natur, wäre ich mit dem Kurs zufrieden", sagt Striegl.

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"Tief im Innern trotzdem ein gläubiger Christ - Kirchenaustritt und persönliche Gottesbeziehung." Exerzitienhaus Johannisthal, Freitag, 4.12 bis 5.12., Anmeldung unter Telefon (09681) 40 01 50,E-Mail: kontakt@haus-johannisthal.de
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