Klaus Mertes spricht in Regensburg über die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen
Gewalt profitiert vom Schweigen

Professor Johannes Grabmeier (links), Vorsitzender von Laienverantwortung Regensburg, sprach mit Pater Klaus Mertes über die Verarbeitung von Missbrauchsfällen. Bild: Hinterberger
Archiv
Regensburg
02.06.2015
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Die Unfähigkeit und Unwilligkeit zuzuhören seien die größten Hindernisse bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, sagte Jesuitenpater Klaus Mertes im Regensburger Thon-Dittmer-Palais. Auf Einladung der Initiativen "Laienverantwortung Regensburg", "Wir sind Kirche" und "Aktionskreis Regensburg" sprach er über verlorenes Vertrauen, Erfahrungen und Konsequenzen nach Missbrauchsfällen.

Ignoranz erfahren

"Die Betroffenen haben versucht zu reden, sie sind aber nicht gehört worden", betonte Mertes. Das in der Gesellschaft vorherrschende Bild der Kirche, aber auch ihrer Priester und Patres, habe das Zuhören verhindert. Missbrauchsanschuldigungen passen nicht mit der "Reinheit" der Kirche sowie den Vorstellungen und der Unkritisierbarkeit von geistlicher Macht zusammen, erklärte er weiter.

Mertes hatte im Jahr 2010 Vorfälle sexueller und physischer Gewalt aus den 1970er und 1980er Jahren am Berliner Canisius-Kolleg publik gemacht. Vor diesem Hintergrund berichtete der heutige Direktor des Kollegs St. Blasien in Baden-Württemberg nun über seine Arbeit, sowie Probleme und Lösungsansätze bei der Aufarbeitung.

Weghören und Vertuschen sei ebenfalls ein Teil des Missbrauchs, sagte er. Deswegen sei es wichtig, das Geschehene gemeinsam mit den Betroffenen aufzuarbeiten: "Es geht darum, die Opfer als Opfer anzuerkennen - ihnen zu glauben." Außerdem würden oft Scham- und Schuldgefühle in Zusammenhang mit Homosexualität verhindern, dass die Opfer überhaupt reden. "Gewalt profitiert von Sprachlosigkeit. Diese muss überwunden werden", sagte er.

Kirche muss das aushalten

Die Opfer seien alleine die Betroffenen, nicht die jeweiligen Institutionen oder die Kirche allgemein, betonte Mertes. Man müsse deswegen eine Stigmatisierung der Institutionen in Kauf nehmen: "Wer diesen Preis nicht zahlen will, behindert die Aufklärung." Ohne eine Aufarbeitung sei außerdem auch keine Prävention möglich. "Man muss dazu erst die Geschichten der Betroffenen hören und dabei vielleicht auch Dinge lernen, die man vorher nicht wusste", erläuterte Mertes.

Bei seinem Publikum, in dem auch zwei Betroffene der Missbrauchsvorfälle bei den Regensburger Domspatzen saßen, fanden die Standpunkte viel Zustimmung. "Sie hätten wir hier gebraucht. Alles was sie gesagt haben, spricht mir aus der Seele", dankte einer dem Jesuitenpater.
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