Klavierdeckel auf die Hände

Den "Zwischenbericht des Bistums Regensburg zu Beschuldigungen von Straftaten körperlicher Gewalt" stellten (von links) Pressesprecher Clemens Neck, Psychologin Angelika Glaß-Hofmann, Generalvikar Michael Fuchs und Rechtsanwalt Andreas Scheulen vor. Bild: Gibbs
Archiv
Regensburg
25.02.2015
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Sie berichten von Faustschlägen ins Gesicht, Hieben mit dem Schlüsselbund und Bleistiften, Demütigungen von Bettnässern und einem permanenten Angstzustand. In der Vorschule der Regensburger Domspatzen haben der langjährige Direktor und mehrere Lehrer über Jahrzehnte Kinder misshandelt. Ihr Leid erfährt nun Anerkennung.

72 ehemalige Schüler der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen, später in Pielenhofen (beides Kreis Regensburg) haben sich in den vergangenen fünf Jahren an das Bistum gewandt. Sie erhalten nun jeweils 2500 Euro Schmerzensgeld.

Angelika Glaß-Hofmann, Psychologin und Ansprechpartnerin des Bistums für Opfer von Körperverletzung, sprach am Dienstag von "tiefgreifenden Verletzungen und Gewalttaten" mit "oft erheblichen Folgen auf die weiteren Lebenswege". Die Fälle würden hauptsächlich in die Zeit von 1953 bis 1992 fallen, in der Priester Johann Meier das Buben-Internat geleitet hat, sagte Glaß-Hofmann bei der Vorstellung eines "Zwischenberichts des Bistums Regensburg zu Beschuldigungen von Straftaten körperlicher Gewalt". Neben dem Schuldirektor hätten auch ein Präfekt, Instrumentallehrer und weitere Personen körperliche Gewalt ausgeübt. Die meisten Täter, darunter Direktor Meier, seien mittlerweile verstorben.

Wahre Internats-Hölle

Die geschilderten Taten legen nahe, dass die betroffenen Dritt- und Viertklässler in dem Bubeninternat die Hölle erlebten. Nach übereinstimmenden Berichten wurden die Kinder regelmäßig mit Schlägen ins Gesicht und auf den ganzen Körper bestraft - teilweise bis sie zu Boden gingen. Dabei schlugen die Täter auch mit einem Schlüsselbund zu. Ein Mitarbeiter drehte vor den Hieben seinen Siegelring um, um die Schläge zu verstärken. Die Kinder wurden an den Koteletten gerissen. Instrumentallehrer malträtierten sie mit spitzen Bleistiften oder schlugen bei fehlerhaftem Spiel den Klavierdeckel auf die Hände der Buben.

Bettnässern begegnete man mit Flüssigkeitsentzug in der zweiten Tageshälfte, sie mussten ihre Wäsche unter demütigenden Umständen reinigen, wobei sie dem Spott der Klassenkameraden ausgesetzt waren. Von den Zuständen sollte nichts nach außen dringen: Briefe nach Hause wurden zensiert, mussten stets mit der Formel "Liebe Eltern, mir geht es gut, wie geht es Euch?" beginnen.

Der vom Bistum mit den Fällen beauftragte Rechtsanwalt Andreas Scheulen bezeichnete die Schilderungen der ehemaligen Schüler als "ausführlich, detailreich, zumeist ohne Belastungseifer und glaubwürdig". Die Vorgänge würden auch das bis Ende der 70er Jahre geltende Züchtigungsrecht erheblich überschreiten, betonte Scheulen. Allerdings seien mögliche zivilrechtliche Ansprüche auf die geschilderten Taten verjährt und könnten mit den Mitteln der Strafjustiz nicht mehr aufgearbeitet werden. Scheulen empfahl dem Bistum daher, die Übergriffe mit einer pauschalen Anerkennungsleistung als erlittenes Leid anzuerkennen.

Das Bistum folge dieser Empfehlung und werde den 72 ehemaligen Schülern eine Leistung von jeweils 2500 Euro zahlen, erklärte Generalvikar Michael Fuchs. "Das Geld ist keine Entschädigung, sondern eine symbolische Anerkennung des Leides, welches Kindern angetan wurde", sagte er, und forderte weitere Betroffene auf, sich bei Ansprechpartnerin Glaß-Hofmann zu melden.

Unabhängige Prüfung

Außerdem kündigte Fuchs an, die Aufarbeitungstätigkeit des Bistums von einer unabhängigen Stelle prüfen zu lassen. Es sei weiter zu untersuchen, inwiefern die Leitung des Domspatzen-Gymnasiums in Regensburg von den Vorgängen in der Vorschule wusste, erklärte der Generalvikar auf Nachfrage. Dort war von 1964 bis 1994 Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papsts Benedikt XVI., Domkapellmeister. (Angemerkt)
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