Opfer des falschen Chirurgen sagen aus - Angeklagter plante "Karriere" als "Facharzt"
Enttäuschte Schönheiten als Zeugen

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Regensburg
27.05.2015
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Im Prozess gegen den 31-Jährigen, der sich bis zu seiner Verhaftung im August vergangenen Jahres als "plastischer Chirurg" ausgab, verwandelte sich an den letzten beiden Verhandlungstagen der Sitzungssaal des Landgerichts Regensburg in einen Laufsteg. Zahlreiche Schönheiten sagten aus - vornehmlich Transsexuelle, die sich oft zu zahlreichen Operationen entscheiden, um ihr Idealbild einer Frau zu erreichen.

Juckreiz und Narben

Durch Mundpropaganda und über seine Internet-Auftritte bei Facebook und Youtube gerieten sie an den nunmehr Angeklagten. Doch dieser hatte nie eine medizinische Ausbildung durchlaufen. Nach einem Rechtsgespräch wurde ihm zu Prozessbeginn wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Betrug, sowie Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen in 110 Fällen eine Freiheitsstrafe zwischen vier und fünf Jahren in Aussicht gestellt.

Während einige Zeuginnen berichteten, dass der Angeklagte "sehr professionell" gearbeitet habe, sprachen andere von "Pfusch". Eine 24-Jährige aus Frankfurt hatte sich im vergangenen Jahr Lippen, Stirn, Wangen und Kinn beim Angeklagten "nachbessern" lassen. Das Ergebnis war mehr als enttäuschend: Ihre Lippen seien viel zu groß geworden und es hätten sich auch schmerzhafte Knoten gebildet. Ebenso in der Stirn. Dort seien die Knoten nicht nur sichtbar, sie juckten auch.

Am Kinn kam es zu einer Gewebevernarbung, die sich nicht mehr beheben lasse. Dafür habe sie 4000 Euro bezahlt. Auch eine andere Zeugin hatte schlechte Erfahrungen mit dem falschen Schönheitsarzt gemacht. Bei ihr kam es in der Kinnfalte zu Entzündungen. In den Wangen bildeten sich Verhärtungen. Außerdem sei ihr Gesicht nach dem Eingriff nicht mehr symmetrisch. Auch die später aufgesuchten "echten" Ärzte hatten Hiobsbotschaft parat: Das Silikon könne im Laufe der Jahre rutschen und dadurch das Gesicht entstellen. Uneins seien sich auch die Mediziner, ob eine Nachbehandlung überhaupt Erfolg verspricht.

Einschlägig bekannt

Aufschluss über die Persönlichkeit des Angeklagten gab der zuständige Sachbearbeiter der Kripo. Der Mutter einer 19-Jährigen aus Österreich, die sich vom Angeklagten behandeln lassen wollte, hatte aufgrund seines Facebook-Eintrags Nachforschungen angestellt und schließlich den ärztlichen Bezirksverband verständigt. Nachdem dieser in der veröffentlichten Approbationsurkunde eine Fälschung erkannte, verständigte er die Kripo. Dort war er bereits durch Vorstrafen wegen Betrugs und Urkundenfälschung bekannt. Der junge Mann hatte 2012 den Notendurchschnitt seines Abiturzeugnisses von 2,7 auf 1,4 "verbessert" und gleichzeitig das Abiturjahr um vier Jahre zurückdatiert, um so die nötige Anzahl an Wartesemestern zu erreichen. Außerdem blieb er bei einem plastischen Chirurgen 2600 Euro für eine Operation schuldig.

Bei der Durchsuchung der "Praxis" entdeckten die Fahnder medizinische Substanzen und Utensilien des Angeklagten. Im Tresor fanden sie 45 700 Euro Bargeld. Ebenfalls darin lagen mehrere Ordner mit gefälschten Studienbescheinigungen, ein selbst gefertigter Stempel der Universität Regensburg und eine auf das Jahr 2017 vordatierte Urkunde, die den Angeklagten als "Facharzt für Plastische Chirurgie" ausweist.
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