Vermutlich gibt es noch viel mehr Opfer
Bistum zahlt knapp 160 000 Euro an Missbrauchsopfer

Missbrauchsbeauftragter Dr. Martin Linder führt sensible Gespräche mit den Opfern. Bild: Bistum Regensburg
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Regensburg
12.11.2014
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Die Empörung über die Fälle von sexuellem Missbrauch im Bistum Regensburg war groß. Nur 30 Betroffene haben bisher eine Entschädigung beansprucht. Die Sache hat einen Haken: Es dürfte noch viel mehr Opfer geben, die sich aber nicht melden.

Seit einem Jahr ist Dr. Martin Linder Ansprechpartner des Bistums Regensburg für Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs. In seinem Tätigkeitsbericht beschreibt er das Leid der Opfer - und erklärt, dass nur eine geringe Zahl der Betroffenen einen Antrag auf Entschädigung stellt.

Von 2011 bis 2014 hat das Bistum 158 500 Euro für 30 Anträge auf Entschädigung ausgezahlt. Diese Zahlen nennt Linder in seinem Bericht. Nur vereinzelt hätten sich die erhobenen Vorwürfe nicht als plausibel erwiesen. Wenn der Beschuldigte noch lebt, würden die Vorwürfe zunächst an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet und nach staatlicher Klärung einem kirchenrechtlichen Verfahren zugeführt.

Nach Böhms Tod

Linder hatte die Aufgabe des Missbrauchsbeauftragten von Dr. Birgit Böhm übernommen, die im Mai vergangenen Jahres überraschend verstorben war. Seine wichtigste Aufgabe sei daher zunächst gewesen, den abgerissenen Gesprächsfaden zu den Betroffenen wiederzufinden, erklärt der 68-jährige Jugendpsychiater und Arzt für psychotherapeutische Medizin, der bis 2011 die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg geleitet hat.

"Die Verletzungen, die diese Menschen erfuhren, bleiben", stellt Linder fest. "Hinwegnehmen lassen sie sich nicht." Es sei ein Ziel des Antragsverfahrens, dazu beizutragen, dass ein Betroffener vielleicht leichter mit ihnen seinen Frieden schließen kann, wenn sie angenommen, eingestanden und anerkannt werden. Sehr wichtig sei für ihn die Erfahrung gewesen, dass "die achtsame Begegnung im Gespräch als eine - oft erste - Form der Anerkennung des Leids empfunden wird, worauf so lange gewartet wurde".

Neu sei für ihn gewesen, dass manche Priester "in unsäglicher Weise eine große Anzahl von Kindern missbraucht haben", berichtet Linder im Gespräch mit unserer Zeitung. Als Beispiel führt er einen Geistlichen im Bistum Regensburg an, der Anfang der 50er Jahre in zwei Pfarreien sexuelle Straftaten an 25 Minderjährigen beging. "Das Ausmaß habe ich vorher nicht geahnt." Die Zusammenarbeit mit dem Bistum beschreibt Linder als gut. Er habe nicht den Eindruck, dass das Bistum Straftaten vertuscht oder in Abrede stellt.

Linder geht davon aus, dass sich "nur eine Minderzahl der Opfer" an die Diözese wendet, um den Antrag zu stellen. Er habe der Diözese den Vorschlag gemacht, eine Frau als weitere Missbrauchsbeauftragte zu berufen. Die Wahl zu haben, könne es Betroffenen leichter machen, sich zur Antragsstellung zu entschließen. Geplant seien außerdem weitere Gespräche zwischen Geschädigten und Bischof Rudolf Voderholzer.

Generalvikar Michael Fuchs stellte Linder für dessen Bericht auch Zahlen bezüglich der Täter zur Verfügung: Demnach wurden von 1945 bis heute von den etwa 2380 tätigen Geistlichen der Diözese Regensburg 13 Männer wegen sexueller Straftaten an 77 Minderjährigen verurteilt. Von diesen 13 Geistlichen leben noch 8, 2 davon wurden laisiert, die übrigen 6 sind suspendiert. Ein kirchenrechtliches Verfahren läuft derzeit wegen einer Beschuldigung einer Tat in den frühen 1970er Jahren, der Beschuldigte ist suspendiert.

Prävention stärken

Eine zentrale Aufgabe des Bistums sieht Linder in der Präventionsarbeit. Seit Oktober 2013 hätten vier Referentinnen 1070 hauptamtliche Mitarbeiter der Diözese Regensburg zur Prävention von sexualisierter Gewalt geschult. Außerdem werde von allen Mitarbeitern der Diözese, die im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen oder Schutzbefohlenen stehen, ein erweitertes Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung eingeholt.
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